Das Wiedersehen

DER MANN sass in Agra in der Hotelbar beim Apéro und genoss den Blick auf den Taj Mahal, dessen weisse Umrisse in der Dämmerung geheimnisvoll schimmerten. Er wartete auf mich, die ich länger brauchte, um mich zum Nachtessen schön zu machen. Da fiel ihm plötzlich auf, dass ihn eine Frau intensiv musterte. Sie kam ihm vage bekannt vor, und doch auch wieder nicht. Ob sie ein Auge auf ihn geworfen hatte? Langsam wurde es peinlich und darum sagte er zu ihr: «Good Evening», worauf sie ebenfalls mit «Good Evening» antwortete. Zurück in ihrem Zimmer berichtete sie ihrem Mann: «Du, in der Bar sah ich einen Engländer, der deinem früheren Freund aufs Haar gleicht.»   

Zwei Tage später, nachdem wir uns vom unvergleichlichen Taj Mahal hatten begeistern lassen, reisten wir nach Jaipur. Die rosarote Stadt überquoll vor Lebendigkeit und farbenfrohem Treiben. Unser Hotel, eingebettet in einen üppigen, sattgrünen Garten, hatte einen ganz besonderen Charme: Lotusteiche, Amphoren, mit Blütenblättern bestreute Brunnen, Steinskulpturen, Gartenpavillons, ein einladender Swimming Pool unter Bäumen – nichts fehlte, um sich so richtig wohlzufühlen. Auf lauschigen Wegen gelangte man unter zierlichen Torbogen hindurch zu den Zimmern. Dies waren ebenerdige, sternförmig angelegte Bungalows, die sich jeweils zu sechst um einen blumen- und blätterumrankten Innenhof gruppierten, in dessen Mitte ein kühlender Springbrunnen plätscherte.   

Während ich im Zimmer die Koffer auspackte, ging DER MANN an den Swimming Pool – und traf dort seinen ehemaligen Freund, der vor 12 Jahren zusammen mit seiner zweiten Frau nach Mittelamerika ausgewandert war. Die beiden Männer, die sich aus den Augen verloren hatten, freuten sich riesig über das Wiedersehen. Das Rätsel um den «englischen Doppelgänger» in Agra fand damit eine heitere Auflösung!

Unter dem beschaulichen Himmel Indiens verbrachten wir zu viert einen wunderbaren Abend. Natürlich amüsierten wir uns köstlich über das Intermezzo mit DEM MANN als einem verkappten «Engländer»! Als wär’s gestern gewesen, klingt unsere fröhliche Stimmung in mir nach. Ich erinnere mich an unser herzhaftes Lachen, an abenteuerliche Schilderungen, an spannende Geschichten, die wir einander zu erzählen hatten; ich sehe den Hof mit den hell lodernden Fackeln vor mir und höre die zarten Sitarklänge, sekundiert von Froschgequake.

Wenn ich mir die Bilder in Erinnerung rufe, ist mir, als durchströme mich erneut die sanfte Ruhe und Poesie dieses Ortes. Das Hotel war der typischen Rajasthan-Architektur nachempfunden. Unser Esstisch stand in einem verträumten Innenhof, der gegen oben offen war. Vor uns kräuselte sich ein Teich mit violetten Lotusblüten. Über uns verlieh ein Sichelmond den Zwiebeltürmen und Zinnen einen feinen silbernen Glanz, blinkte traumverloren ein Sternenmeer im samtenen Nachthimmel, fern und erhaben, wie ein Gruss aus uralter Zeit.

Als wir uns am nächsten Morgen frohgelaunt an den Frühstückstisch setzten, waren die beiden bereits abgereist – wieder hatten wir’s versäumt, die Adressen auszutauschen. Inzwischen sind erneut 12 Jahre vergangen. Wer weiss, vielleicht treffen wir sie diesen Herbst zufällig in Jerusalem, in Istanbul, in St. Petersburg oder…?

Es kann nicht schaden, wenn DER MANN sein Englisch wieder mal aufpoliert – nur so für alle Fälle.

Elisabeth, 31. Juli 2019

11 Kommentare zu „Das Wiedersehen

      1. Man merkt in deinen Beschreibungen, dass du selber dort gewesen sein musst. Und alles sehr intensiv aufgenommen hast. Wunderbare Beschreibungen sind das. Ich war noch nie in Indien – es hat mich aber sofort verzaubert, wie du schreibst. Dann bin ich gespannt auf mehr 🙂 Liebe Grüße an dich, Elisa!

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  1. Wunderbar Deine Erinnerungen an Indien! Sofort sind die intensiven Bilder wieder da vom Taj Mahal, Chaipur und Jpur…auf unserer 2wöchigen Rajasthanreise vor vielen Jahren. Unvergessen auch die Blicke von unserem sehr schönen Hotel in Delhi auf die Straßen, wo die „heiligen Kühe“ ausgehungert ihres Daseins fröhnten und die Bewohner nachts ihren Müll verbrannten. Unvorstellbare Gegensätze, die auch mich im Nachhinein noch lange beschäftigten. So ging es mir wie Dir liebe Elisa. Vertiefen konnte ich die offenen Fragen durch einen einjährigen Aufenthalt meiner Enkelin in Indien. Sie lebte bei einer Lehrerfamilie, besuchte dort die Schule, um dann in D ihr Abitur auch in englisch abzuschließen. Du selbst weist am besten, was Fremdsprachenkenntnisse bedeuten.
    Durch unseren ständigen Kontakt über facebook konnte sie mir viele Fragen zu Indien beantworten.
    Herzlicht Ursula

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    1. Liebe Ursula, wie schade, dass wir unsere Erinnerungen nicht mündlich austauschen können! Ich werde noch mehr Beiträge über Indien schreiben, aber mir ist bewusst, dass meine Erlebnisse niemals an jene Deiner Enkelin herankommen, die ein Jahr lang in Indien lebte. Das gibt ganz andere Eindrücke. Als ich in Frankreich und England arbeitete, verwandelten sie sich gegenüber reinen Ferien relativ stark. Immerhin: auch Reisen bildet! Herzlichen Dank für Deinen Kommentar. Liebe Grüsse, Elisa

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      1. Ich freue mich schon auf Deine weiteren Beiträge über Indien und ja, wie gerne würde auch ich mich über so vieles mit Dir persönlich austauschen! Gerade fällt mir ein Zitat von Franz Kafka ein, welches lautet:
        „Jeder der sich die Fähigkeit erhält, Schönes zu erkennen, wird nie alt werden.“ Ich denke, es fällt uns beiden nicht schwer, weiterhin Schönes zu erkennen und auch zu schätzen.
        In diesem Sinne und in der Hoffnung, dies noch lange tun zu können, verbleibt mit herzlichen Grüßen
        Ursula

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