The American Policeman

Kaum waren wir im Osten der USA angekommen, lockten die Niagara Falls. Also flogen DER MANN und ich von Boston nach Buffalo, um von dort per Mietauto zu den berühmten Wasserfällen, einem Erbe aus der letzten Eiszeit, zu gelangen. Unser Ziel war die kanadische Seite, gilt sie doch als sogar noch reizvoller als die amerikanische. Nachdem wir das Auto in Buffalo in Empfang genommen hatten und losgefahren waren, kam uns in den Sinn, dass wir vergessen hatten, eine Strassenkarte zu besorgen (es gab noch kein GPS). Nicht schlimm! DER MANN würde den gut 30 km langen Weg schon finden. Und so war es auch.  

Schon bald hielten wir den Atem an: Ein alle Sinne betörendes Erlebnis erwartete uns. Es ist fast unmöglich, diese riesigen Wassermassen zu beschreiben, die mit einem gewaltigen Tosen und mit hoch in die Luft spritzender Gischt in die Tiefe schiessen. Pro Sekunde donnern beinahe 2 ½ Millionen Liter die Fälle hinab! Der grösste, der Horseshoe Fall, hat eine Fallhöhe von mehr als 50 m. Das Wasser stammt aus fünf der sechs grossen Seen: Michigan, Superior, Huron, St. Clair und Erie, es fliesst von den Fällen hinunter zum Ontario See und über Niagara River und Sankt-Lorenz-Strom in den Atlantik. Der Niagara River ist etwa 12’000 Jahre alt, was für Geologen ein «junger» Fluss ist. 20 % des Süsswassers der Welt liegt in den Grossen Seen, wovon das meiste über die Niagara Fälle strömt. Die erste Person, die sich in einem Fass über die Fälle tragen bzw. schleudern liess, war eine 63jährige Lehrerin! Sie hat überlebt – ob mit oder ohne Schleudertrauma, ist mir nicht bekannt…    

Besonders aufregend ist eine Bootsfahrt mit der Maid of the Mist über die wildesten Stellen und Strudel, so nah wie möglich an die tosenden Fälle heran: man verschwindet fast hinter den schäumenden Wasserschleiern, wird trotz Pelerine triefend nass, lässt sich lachend von einer überwältigenden Lebenslust packen. Auf dem Skylon Tower mit der Aussicht auf die tobenden Wasser verspäteten wir uns, und wir hatten keine Zeit mehr, uns etwas zum Essen zu besorgen. Es fiel uns nicht leicht, den naturgewaltigen Ort zu verlassen, der uns in wirbelnde Traumwelten entführt hatte.  

Auf der Rückfahrt holte uns die Realität ein. Das Flugzeug in Buffalo durften wir nicht verpassen. Prompt verfuhren wir uns. Nervös konsultierten wir ein- ums andere Mal unsere Uhren, versuchten uns an die morgendliche Fahrt zu erinnern. Ich sehe die kleine Unterführung auf einer einsamen Überlandstrasse noch gut vor mir. Angespannt wie DER MANN war, um den richtigen Weg zu finden, unterliess er trotz Stop-Signal das komplette Anhalten. Weit und breit war kein anderes Fahrzeug zu sehen. Dann, aus dem Nichts, tauchte ein amerikanischer Polizist auf einem schweren Töff auf, als hätte er in der Unterführung auf der Lauer gelegen. «Nicht aussteigen, nur anhalten», raunte ich DEM MANN zu, weil ich plötzlich dran dachte, dass eine junge Schweizerin eine Nacht im Gefängnis verbringen musste, weil sie aus ihrem Auto ausgestiegen war, nachdem ein amerikanischer Polizist sie angehalten hatte.

Der uniformierte Motorradfahrer sah böse aus. «Don’t you know what a stop signal means in the State of New York?» fragte er DEN MANN scharf. (Wissen Sie nicht, was ein Stop-Signal im Staate New York bedeutet?) DEN MANN, stets höflich und freundlich, brachten die grimmigen Blicke und der barsche Ton ganz aus dem Konzept. Verdattert antwortete er mit «No» statt mit «Yes». Dem Polizisten fielen vor Wut fast die Augen aus den Höhlen, und bereits sah ich uns beide elendiglich in einem amerikanischen Gefängnis schmoren. Bei dieser Vorstellung erwachte mein Kampfgeist. Ich zog alle Register, bat um Entschuldigung, redete voller Überzeugungskraft auf den Polizisten ein, Verständnis heischend für zwei unerfahrene Schweizer an ihrem zweiten Tag in den USA, auf unbekannter Strasse, in einem ungewohnten Auto… Kurz, ich erklomm rhetorische Höhen – und nach bangen Minuten lenkte der Polizist ein, obwohl sein Gesicht nicht freundlicher geworden war. «Aber lassen Sie sich nie mehr beim Überfahren eines Stop-Signals erwischen, schon gar nicht im Staate New York», drohte er mit erhobenem Finger. Wir machten, dass wir von dannen kamen.

Wie’s im Leben so geht: Wir erreichten Buffalo am Ende doch noch rechtzeitig – nur um zu erfahren, dass unser Flieger rund zwei Stunden Verspätung hatte! Im kleinen Flughafen gab’s um diese Zeit weder offene Läden noch Coffee Shops. So warteten wir ergeben auf den Flug, wenn auch hungrig und durstig. Das war immerhin hundert Mal besser als schlaflose Stunden in einem amerikanischen Gefängnis!

Auf unserer weiteren Entdeckungstour durch die USA trat DER MANN jedes Mal reflexartig auf die Bremse, wenn irgendwo ein Polizist auftauchte.

Elisabeth, 18. Juni 2018

4 Kommentare zu „The American Policeman

  1. Hallo Elisa, danke für die ergänzenden Infos zu den Niagarafällen auf kanadischer Seite! Einer der Regenmäntel von der Schifffahrt vor den tobenden Wasserfällen befindet sich jetzt im Handschuhfach unseres PKW.
    Es war ein unvergessliches Erlebnis, auch deshalb weil unsere Koffer noch nicht im Hotel in NewYork angekommen waren und wir improvisieren mussten. Ja, wer eine Reise tut…….
    Heute sende ich aus dem Stubaital und rate mal, aus welchem Hotel?
    Liebe Grüße von Ursula

    Gefällt 1 Person

    1. Wie lieb, dass Du sogar in den Ferien einen Beitrag schreibst. Herzlichen Dank, liebe Ursula. Ich wünsche Euch noch viele schöne Stunden im Stubaital! Per Auto kommt der Koffer in jedem Fall mit… Der dortige Gletscher und der Wasserfall sind zwar nicht ganz so spektakulär wie die Niagara Falls – aber eine Reise wert sind sie auf jeden Fall. Geniesst die Ferien. Liebe Grüsse, Elisa

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