Am schwarzen Meer

Photo by Jeff Nissen on Pexels.com

Kennt Ihr die Krim? Mitte der 90er Jahre verbrachte ich zwei Wochen in Jalta. Die Halbinsel ist von bemerkenswerter landschaftlicher Schönheit. Immer wieder genießt man atemberaubende Ausblicke von den Bergen aufs Meer in der Tiefe; aus der Zarenzeit sind viele prächtige Paläste erhalten und restauriert worden. Die dichten Wälder und die weiche, nach würzigen Hölzern duftende Luft erklären, warum Jalta früher als beliebter Kurort glänzte. Schon die Zaren liessen es sich hier gutgehen. Bis heute erinnern edle Sanatorien und Kurhäuser an die bedeutenden Besucher von einst.

1917 brach in Russland die Oktoberrevolution aus, in deren Verlauf Zar Nikolaus II und seine Familie von Bolschewiken ermordet wurden. Den letzten Sommer genossen sie in ihrem eleganten weissen Liwadija-Palast auf der Krim. 1945 trafen sich am gleichen Ort Churchill, Roosevelt und Stalin zur Konferenz von Jalta, um Europa unter sich aufzuteilen. Der Palast ist eine beeindruckende Stätte voller Schätze, voll spürbarer Geschichte, voll intensiver Erinnerungen. Der italienische Innenhof und die Aussicht auf das Schwarze Meer wirken besonders reizvoll, interessant auch das Büro von Zar Nikolaus II. Die Wandteppiche der Zarenfamilie in ihren kräftigen Farben sind Schmuckstücke. Dagegen wirkt der historische Konferenztisch der drei Politiker geradezu nüchtern.

Auch ich war da… Und verlor eine Weile mein inneres Gleichgewicht, als ich mich plötzlich allein im riesigen Park wiederfand. Wo war die Reisegruppe? Ich hatte getrödelt, mich in den Anblick von kunstvoll gearbeiteten Lackdosen und Kostbarkeiten aus Bernstein vertieft. Kennt Ihr dieses ungemütliche Gefühl, allein unter Menschen zu sein, mit denen man sich nicht verständigen kann? Von dem vor langer Zeit belegten Russisch-Kurs war mir ein einziger Satz in Erinnerung geblieben: «Sprechen Sie Deutsch?» (= Вы говорите по-немецки?) Nicht gerade erfolgversprechend in dieser Umgebung, doch hatte ich schliesslich, wie schon so oft, unerwartet Glück.

Bei meinem Besuch war die Krim der Ukraine zugehörig, aber noch stark vom Kommunismus geprägt. Vieles kam mir bizarr vor, trotz der Herzlichkeit der dortigen Menschen, denn 70 Jahre Kommunismus hatten deutliche Spuren hinterlassen, von denen die kaputten Sonnenschirme und löchrigen Luftmatratzen am weißen Sandstrand noch die harmlosesten waren.

Während die Insel heutzutage dank russischer Werbung scharenweise Touristen anlockt und das zu mietende Strandzubehör mittlerweile sicher einwandfrei ist, herrschte damals bitterste Armut. Die Menschen kauften auf dem Markt angefaulte Früchte, weil sie billiger waren. Die Regale in den Läden waren mehrheitlich leer. Eine Greisin fiel mir auf, weil sie trotz offensichtlicher Altersbeschwerden mühsam die Gehwege auf dem Hotelareal säuberte. Man sagte mir, es gäbe für niemanden eine Rente. Ich legte ihr ein paar Geldstücke in die Hand. Erschüttert nahm ich wahr, wie sie sich unter Tränen bedankte und bekreuzigte.

Gleich zu Beginn buchte ich einen Helikopterflug zur Marmorhöhle auf dem Taschtyr-Dag-Plateau. Erst 1987 wurde die 2 km lange und mehr als 50 m tiefe Höhle entdeckt. Mit ihren glitzernden Kristallen und Tropfsteinen gilt sie als eine der spektakulärsten Höhlen der Welt. Der Flug selbst war auf andere Weise spektakulär. Wir etwa 15 Passagiere hoben in einem über 30jährigen, ungepflegten Helikopter ab, der einst Breschnew gehört hatte. Die Scheiben waren blind vor Schmutz, der Motorenlärm ohrenbetäubend. Es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis das alte Ding endlich in der Höhe war, wo es nach einer Stunde nur mit Mühe das Plateau zu erreichen schien. Eine weitere Stunde hatten wir Zeit für die Höhle. Sie war wunderbar! Eine Woche später erzählte eine andere Reiseleiterin von dieser beeindruckenden Sehenswürdigkeit und fügte an: «Bitte, bitte, buchen Sie nicht!! Wir Reiseleiterinnen stehen jedes Mal während des Fluges Todesängste aus. Vor zwei Wochen ist einer der schlecht instandgesetzten Helikopter in den Bergen abgestürzt. Alle Passagiere, auch unsere Kollegin, starben dabei. Das wollen Sie doch nicht?» Fürwahr eine schlimme Geschichte, die nicht einmal an die Öffentlichkeit gedrungen war. Wie lange hat’s Breschnews ausgedienter Helikopter wohl noch gemacht?

Eine rabiate Behandlung beim Rückenmasseur hinterliess auf meinem Körper eine Vielzahl blauer Flecken. Hatte mich vorher nur der Rücken geplagt, schmerzten mich jetzt sämtliche Knochen. Doch meine Neugierde war noch nicht gestillt. Am nächsten Tag besuchte ich einen Augendiagnostiker. Der Mann war betrunken. „Gegen die kommende Erkrankung der Eierstöck links“ empfahl er mir „Bewässerung“. Ich fand das lustig. Ob er damit eine Kur mit Wodka meinte? Ein Freund hatte eine ganz andere Idee… Jahre später erkrankte ich tatsächlich an Eierstockkrebs. Merkwürdig. Hätte ich den Diagnostiker bloß gefragt, was er unter „Bewässerung“ verstand!

Zwar war unser Hotel das zweitbeste in Jalta, dennoch gab’s im Hotelpark nächtliche Schießereien. Andere Gäste warnten mich davor, je dort spazieren zu gehen, Bekannte seien schon verprügelt worden. Ob die Schüsse auf Streit im hauseigenen Bordell im 13. Stock zurückzuführen waren? Werbewirksam wurden die aufreizend gekleideten Damen allabendlich, im offenen roten Cabrio stehend, im Schneckentempo vor das Hotel gefahren. Oder waren die Schüsse die Folge des mehr als reichlich fließenden Wodkas? Die Serviertöchter verscherbelten ohne Scham nach dem Abendessen auf ihre Rechnung den hoteleigenen Wodka an die Gäste – auf der untersten Etage des Servierboys unter einem Tuch getarnt, natürlich zum Schnäppchenpreis. Im kleinen lokalen Supermarkt wurde mein mit Mineralwasser gefüllter Einkaufswagen von Männern in schwarzen Lederjacken auf ruppige Art ausgeräumt, mich stieß man grob hinaus und schloss die Tür hinter mir ab. Aber hallo! Was hatte ich getan?? Wie ich später erfuhr, war dies eine Razzia, weil man dem Verkaufspersonal misstraute. Es gehörte zum normalen Straßenbild, dass öffentliche Busse infolge Pannen mitten auf der Strecke stecken blieben. Kein Wunder: Arbeiter entwendeten in der Fabrik dringend benötigte Ersatzteile. Wie eine der Reiseleiterinnen erzählte, gab es auch Ärzte, die im Spital Medikamente mitlaufen ließen, um sie dann in der prallen Mittagssonne auf improvisierten Holztischen von Helfern verkaufen zu lassen. Wir trafen russische Soldaten, die seit Monaten keinen Sold mehr erhalten hatten und deshalb ihre Uniformknöpfe für eine Kopeke pro Stück an uns verhökern wollten.

Der schwierige Alltag der vorwiegend russischen Bevölkerung machte sich überall bemerkbar. Wir verwöhnten Schweizer aßen zwar die Blinis und den Sauerrahm mit Genuss. Die übrigen Speisen waren jedoch enttäuschend. Da wurde der prickelnde Krimsekt zu staubtrockenem Gebäck serviert, die Butter war verdorben, fettige Suppen dominierten die Mahlzeiten, das gebratene Poulet war flach geschlagen und folglich voller kleiner Knochensplitter. Ein Toilettenbesuch unterwegs entpuppte sich als wahres Abenteuer. Die Gäste (ich inbegriffen) erkrankten denn auch reihum an schwerem Durchfall. Schade um den Galaabend mit dem erstklassigen Ballett-Ensemble! Die einzig verfügbare Diät bestand aus Schwarztee und, kurz vor dem Heimflug, Spritzen vom Arzt.

Nicht genug, dass die Bevölkerung unter großer Armut litt – Mafia und Korruption verschlimmerten die Lebensbedingungen noch zusätzlich – wie immer, wenn Mächtige das Sagen haben und nach dem Motto „Ich zuerst“ handeln. Es ging das geflügelte Wort: „Wenn Sie viele Sorgen haben, so bringen Sie Ihr Geld zur Bank. Dann haben Sie nur noch eine Sorge: Wie bekomme ich mein Geld wieder zurück?“

Ich möchte gerne glauben, dass sich die Verhältnisse inzwischen in jeder Hinsicht gebessert haben. Oder ist das naiv? Was meint Ihr?

Elisabeth, 28.5.2019 

6 Kommentare zu „Am schwarzen Meer

  1. Wow Elisabeth….das sind ja abenteuerliche Geschichten! Und traurig sind sie auch, wenn man wieder mal bedenkt, dass unzählige Menschen ein solches und noch schlimmeres Dasein fristen! Da wird man demütig und dankbar für alles! Wir haben ein privilegiertes Leben in der Schweiz. Und was machen wir damit?
    Liebe Grüsse aus Buchs
    Brig

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Brigitte, Dein Beitrag freut mich sehr. Wir sind in der Schweiz tatsächlich privilegiert. Ich glaube, es ist gut für uns, ins Ausland zu reisen und anderes zu sehen, das macht es uns erst recht bewusst. Es ist allerdings auch so, dass man in armen Ländern überraschend viele frohe und zufriedene Gesichter sieht. Woran das wohl liegen mag? Liebe Grüsse, Elisa

      Liken

  2. Elisabeth, die weitgereiste Dame mit so vielen Erlebnissen! Es ist immer wieder eine Überraschung, Deine Blogs zu lesen. Alle Achtung und Hut ab, sogar russisch hast Du gelernt. Otchin charaschò!
    Ja, wir kennen die Krim von einer ganz individuellen Autoreise, die abenteuerlich aber desto erlebnisreicher war. Die wunderschönen Landschaften, in Jalta das Schwalbennest, am geschichtsträchtigen Konferenztisch im Palast haben wir verweilt, haben viel Herzlichkeit von den Menschen erlebt, die wir landläufig kennengelernt haben. Und ich muss gestehen, der Krimsekt hat ganz wunderbar geschmeckt. Wodka in allen Geschmacksrichtungen haben wir dann später auf einer Wolga-Don-Schiffsreise in Genüge verkostet, auch diese Reise war beeindruckend und ist unvergesslich.
    Wie wir von Berichten eines Bekannten erfahren haben, welcher regelmäßig Hilfsgüter in die Ukraine bringt, haben die Krimbewohner doch das bessere Los mit Putin gezogen als mit den korrupten Machthabern der Ukraine. Ich wünsche es ihnen von Herzen. Da svidanja! Ursula
    PS: Leider finde ich auf meinen Laptop keine kyrillischen Buchstaben und musste die deutschen verwenden.
    Du hingegen bist die Perfektion in Person!

    Gefällt 1 Person

  3. Liebe Ursula, vielen herzlichen Dank für Deinen Kommentar! Du kannst ja auch Russisch, viel besser als ich. Ich erinnere mich gut, wie beliebt gerade das deutsche Volk auf der Krim war, sogar der DM haben sie von allen Währungen am meisten vertraut. Schweizer Franken kannten sie gar nicht. Stell Dir vor, ich wechselte damals
    10 DM und bekam zu meiner Überraschung sage und schreibe 316‘400 Coupons! Da hatte ich auf einmal im wahrsten Sinn des Wortes ein „dickes Portemonnaie“! Schön, dass Euch die Krim und die Herzlichkeit der Menschen ebenfalls ans Herz gewachsen sind.
    Liebe Grüsse Elisa

    Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s