Ein Tag im Leben von…

Ich stand am SBB-Automaten und hatte soeben meine Kreditkarte aus dem Portemonnaie geklaubt, als der ältere Herr dicht neben mir auftauchte und laut rief er: «Halt!» Ich schrak zusammen. «Was wollen Sie?» fragte ich, «lassen Sie mich doch meine Fahrkarte lösen.» «Darum geht es ja gerade», erwiderte er. «Wohin fahren Sie?» Verstohlen blickte ich um mich. Vor allen Automaten stand jemand, er würde bestimmt nicht wagen… Aber eigentlich sah er ganz nett aus. Ich hatte vor, meine kranke Schwester zu besuchen und nannte ihm mein Reiseziel. «Ja, das passt,» fand er und streckte mir eine Tageskarte hin. «Schauen Sie», erklärte er, «sie ist nur einen Tag gültig, nämlich heute, und ich bin wegen einer dringenden Angelegenheit verhindert. Es wäre doch schade, wenn sie verfallen würde.» «Da haben Sie allerdings Recht», meinte ich, inzwischen um einiges freundlicher. «Was kostet sie denn?» «Nichts, nur ein Dankeschön, ich schenke sie Ihnen.»

Und diesem liebenswürdiger Menschen hatte ich misstraut!! Die abwechslungsreiche Fahrt durch den saftig-grünen Frühling genoss ich danach dankbar und unbeschwert. Der Zug fuhr bis nach Berlin. Ich war noch nie in Berlin, und einen Augenblick lang träumte ich davon, bis zum Endbahnhof weiterzufahren, einfach so, aus Freude, aus Abenteuerlust. Natürlich gab ich dem Impuls nicht nach – meine Schwester wartete auf mich.

Kurz vor meinem Zielort gab’s einen weiteren Grund zu Frohmut: Der Zugbegleiter informierte über den Lautsprecher, dass unser Zug pünktlich um 12.01 Uhr auf Gleis 12 ankomme. Nach der ausführlichen Bekanntgabe von mehreren Zugverbindungen für Umsteigende ertönte am Schluss noch folgende Mitteilung: «Auf Gleis 2 fährt um 12.02 Uhr der Zug nach XY. Dieser Zug wartet den Anschluss nicht ab. Sehr Sportliche unter Ihnen schaffen’s vielleicht trotzdem.» Gut, musste ich Sportmuffel nicht nach XY! Die «verehrten Fahrgäste» schauten einander an und lachten fröhlich. Alle Hektik war vergessen. Was für ein schöner Auftakt, was für ein heiterer Morgen! Wir Menschen haben die Gabe, unseren Mitmenschen den Tag zu verschönern. Dazu braucht’s nicht einmal viel: ein offenes Gemüt, Grosszügigkeit, Humor, gute Laune. Ab heute versuch ich’s immer mal wieder mit einem freundlichen Lächeln. Wer macht mit?

Elisabeth, 22. Mai 2019      

4 Kommentare zu „Ein Tag im Leben von…

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