Das Mittagessen

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Als ich im letzten Blog über Mademoiselle Georges berichtete, tauchte in meinen Gedanken unvermutet eine andere weibliche Person aus dem Pariser Büro auf: Mademoiselle Morice. Sie war zierlich und sehr scheu, das pure Gegenteil von Mademoiselle Georges. Sie bewegte sich wie ein erschrecktes graues Mäuschen durch die Korridore, was in merkwürdigem Gegensatz zu ihrer Stellung als Sekretärin des Vizedirektors zu stehen schien. Doch dieser Herr war jähzornig und unbeherrscht. Den ganzen Tag hörte man ihn herumbrüllen, sogar am Telefon. Mademoiselle Morice war sein bevorzugtes Opfer; sie liess sich tagein, tagaus von ihm herumhetzen und schlecht behandeln. Dabei war sie tüchtig, arbeitete effizient und äusserst pflichtbewusst. Warum wehrte sie sich nicht? War sie von Kindheit an solch miese Behandlung gewohnt? Oder war es, weil es auch damals schon schwierig war, in Paris eine Stelle zu finden? Dass sie in ihren Chef verliebt war, konnte ich mir nicht vorstellen.

Manchmal, wenn er einen englischen Brief diktieren wollte (was zum Glück nur selten vorkam), liess er mich rufen. Ich fand ihn unsympathisch und nicht ganz normal. Ständig warf er mit Papieren oder gar Büromaterial um sich, verwechselte eines seiner zwei Telefone, schrie nacheinander in beide. Sein Pult glich einem Schlachtfeld. Mit mir war er einigermassen anständig, vielleicht, weil ich wie er aus der Schweiz kam. Dennoch verliess ich jedes Mal nach dem Diktat aufatmend sein Büro und dachte: «Gottseidank muss ich den nicht öfters ertragen.» Natürlich war mir selbst damals klar, dass ich in dieser Umgebung meine ersten Lektionen in Lebensschulung bekam!    

Das Büro von Mademoiselle Morice lag neben unserem. Eines Vormittags, kurz vor Weihnachten, kam sie zu uns herüber. Sie sah ganz verwandelt aus: ihre Augen strahlten, glücklich lächelnd erzählte sie uns, ihr Chef habe sie heute Mittag zum Essen eingeladen. «Endlich», sagten wir, «endlich zeigt er ein wenig Wertschätzung!»

Wir schauten aus dem Fenster, wie Chef und Sekretärin auf das feine Restaurant am Ende der Strasse zusteuerten.

Die Zeit über Mittag wurde uns lang. Wir platzten fast vor Neugierde. Was würde sie erzählen? Wie wir wissen, ist Frankreich ein Eldorado für alle Geniesser. Beim Warten malten wir uns aus, was für ein opulentes Mahl aufgetischt werden würde – von einem herrlichen Dessert ganz zu schweigen. Vielleicht gab’s zum Kaffee gar eine Tarte Tatin? Eine Crêpe Suzette? Eine Tarte Framboises? Oder köstliche Petits Fours?

Endlich kam sie zurück. Sie wirkte noch zerbrechlicher als sonst, das Strahlen war verschwunden. «Erzähl», baten wir. Da flüsterte sie: «Er hat für mich nur den Kaffee bezahlt.» Niemand sagte ein Wort. Voller Mitgefühl sah ich, wie sich aus ihren Augen zwei dicke Tränen lösten und über ihre blassen Wangen rollten. Still ging sie hinaus, zurück an ihre Arbeit.

In mir schoss heisse Empörung über den kaltherzigen Geizhals auf. Aber keine von uns hatte ein Wort des Trostes für sie gefunden. Gab es da überhaupt einen Trost?

Elisabeth, 30.4.2019

2 Kommentare zu „Das Mittagessen

  1. oh, wie gemein! Da wäre ich vor Empörung explodiert und hätte mindestens einen Racheplan geschmiedet mit den Mädels. Aber eigentlich kriegt jeder was er sät irgendwann zurück. Da muss man gar nicht viel dazu tun. Und so ein geiziges Leben ist sicher kein schönes Leben…der Arme!

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