Jerusalem

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Es ist am Vorabend von Jom Kippur, dem Versöhnungsfest, das als höchster jüdischer Feiertag gilt. In früheren Zeiten schickte der Priester einen Ziegenbock als Sündenbock in die Wüste.

Zusammen mit israelischen Freunden sind DER MANN und ich in der Jerusalemer Altstadt unterwegs. Aus allen Gassen und Gässchen strömen massenhaft Leute, alle mit dem gleichen Ziel: die Klagemauer. Junge und Alte, Orthodoxe, Chassidim, Liberale, alle in Feststimmung und Festkleidung; gelöst, freudig, erwartungsvoll, mit Gebeten auf den Lippen. Auf dem Gebetsplatz vor der Klagemauer wimmelt es nur so von Menschen, mehr als ich je auf einem Haufen gesehen habe. Wunderbare Gesänge erfüllen die Luft, Lachen, Gemurmel, Fröhlichkeit, Anbetung, wohin man schaut.

Wie heisst es doch mahnend auf der EDA-Homepage über Israel? „Wegen der angespannten Situation ist in Jerusalem besondere Vorsicht geboten, vor allem bei Altstadtbesuchen an jüdischen und islamischen Feiertagen.“ Daran denken wir jetzt nicht. Es ist eindrücklich, mystisch, vermischt mit ehrfürchtigen Schauern, Gänsehaut rieselt über den Rücken. Wir lassen uns von der heiteren, sinnesfrohen, bisweilen leidenschaftlichen Stimmung anstecken, uns mitziehen in diesem Menschenstrom, der vor Vorfreude vibriert. Wir erfahren kaum Stockungen, die Menge bewegt sich zielstrebig. Nachdem wir den geschichtsträchtigen Platz wieder verlassen haben, gibt’s keinen Weg zurück, nur vorwärts. Auch wir sind relativ rasch unterwegs. Die zahlreichen bewaffneten Sicherheitsbeamten nehmen wir kaum zur Kenntnis. Ich gehe am äussersten Rand auf der linken Seite. Meine leichte Bluse mit den langen Fledermausärmeln bläht sich im aufkommenden Wind. Plötzlich spüre ich etwas Kaltes, Metallisches an Ellbogen und Oberarm – und entdecke einen Gewehrlauf, der sich in meinen Blusenärmel verirrt hat. Ich habe mir buchstäblich einen Sicherheitsbeamten geangelt! Blitzschnell ziehe ich meinen Arm weg, befreie den Ärmel vom Sturmgewehr und murmle: „Sorry!“ Der Soldat verzieht keine Miene. Mir aber fährt nachträglich der Schreck in die Glieder.

Später verfolgen DER MANN und ich im Fond eines Taxis amüsiert eine heftige, in Hebräisch geführte Diskussion zwischen Sicherheitsoffizier, Taxifahrer und unseren Freunden. Wir verstehen kein Wort, aber dass die Emotionen hochfliegen, ist unverkennbar. Der Grund ist leicht zu erahnen: wir sitzen fest, umringt von Menschenmassen, blockiert durch gesperrte Zufahrten. Schliesslich dreht sich der Sicherheitsoffizier mit harter Miene weg, ohne weiteren Kommentar – nicht einmal ein Wendemanöver hat er erlaubt. Unserem Chauffeur bleibt nichts anderes übrig, als das Taxi samt Fahrgästen rückwärts ein unglaublich steiles, furchtbar enges und holpriges Gässchen hinunter zu quälen. Mit mehr Krach als Ach finden wir schliesslich zum Ausgangspunkt zurück, dem Parkhaus vor den Toren der Altstadt. Natürlich, hier geht Sicherheit immer vor! Die lückenlose Bewachung ist es ja, die es ermöglicht, die Magie der Stadt ungestört in sich aufzunehmen.

Dieser Magie kann sich kaum jemand entziehen. In meinem Reiseführer steht gar: In Jerusalem beginnt selbst der überzeugteste Atheist an Gott zu glauben. Allein die Schönheit des Ortes, das warme Licht, die Bauten aus goldfarbenem Stein, die liebliche Lage in den Hügeln mit den grünen und silbrigen Kronen der Feigen- und Olivenbäume reichen für den Gesinnungswandel aus.

Auch für uns ist Jerusalem etwas ganz Besonderes. Es gibt wohl keinen Ort auf Erden, wo mehr gebetet, gesungen, Gott gelobt und angefleht wird, das gibt der Stadt ein ganz spezielles Gepräge. Doch erst am Ende des Tages, wenn Hitze, Gewimmel und Getöse der geschäftigen Stunden am Verebben sind, spürt man, wie Gottes mächtiger Atem durch die engen Gassen der Altstadt strömt. Im uralten Gemäuer nisten Geheimnisse, wehen Erinnerungsfetzen aus dem Altertum, wispert der Wind. Er trägt den Nachhall jahrtausendealter Geschichten über die heiligen Dächer hinaus und in unsere Zeit hinein. Sie erzählen von Siegen und Niederlagen, menschlichen Leidenschaften und Blutvergiessen – und von Jahwe, dem Ewigen.

Das jüdische Pessachfest, das an den Auszug aus Ägypten erinnert, beginnt dieses Jahr am Abend des 19. April nach Sonnenuntergang und dauert eine Woche, während wir Christen Karfreitag und Ostern feiern. Ich wünsche Euch frohe und erholsame Tage. Freut Euch: der Tod hat nicht das letzte Wort!

Elisabeth, 10.4.2019

4 Kommentare zu „Jerusalem

  1. danke, für diesen schönen Bericht! Gerne würde ich wieder mal das Pessachfest feiern, aber ich habe soviel um die Ohren, ich werds wohl nicht schaffen mit organisieren. Dann nehmen wir es eben wie es kommt. Vielleicht wirds ja ein schöner besinnlicher und ruhiger Tag. Liebe grüsse Brig

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  2. Mit Deinen Gedanken liebe Elisabeth bin auch ich ganz in der Alststadt von Jerusalem und spüre den Atem der jahrtausendwährenden Geschichte! Dazu passend das schöne Foto vom Felsendom. Wir waren etwas enttäuscht, dass wie ihn und auch die al-Aqsa-Moschee als Nichtmuslime nicht besichtigen durften. In Kairo, Istanbul und an vielen anderen Orten durften wir dies ohne Probleme. Andererseits muss man wohl akzeptieren, dass diese Moscheen in Jerusalem als wichtigste heilige Stätten des Islams in Palästina gelten und deshalb für Touristenströme tubu sind.
    Liebe Grüße Ursula

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    1. Liebe Ursula, vielen Dank für Deine lieben Zeilen. Ja, das ist wirklich schade, wir konnten den Tempelberg ebenfalls nicht besuchen. Er ist aus Sicherheitsgründen des öftern gesperrt, wir sind nicht die einzigen, aber das ist ein schwacher Trost. Da der Tempelberg sowohl bei den Juden, den Moslem und den Christen als ein sehr heiliger Ort gilt, ist er regelmässig Schauplatz von Ausschreitungen und Auseinandersetzungen. Traurig!

      Heute hat mich die Nachricht eines in der Nähe von Tel Aviv wohnenden Freundes erreicht, dass es eigentlich Frühling sein sollte, es aber immer wieder mal regne und im Norden Israels sogar schneie. Unser sommerliches Osterwetter war also weit besser als das israelische Wetter während des Pessachfestes! Liebe Grüsse, Elisabeth

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