Der Hund

Auf dem einsamen Feldweg, völlig aus dem Nichts, tauchte er hinter uns auf: ein grosses, zotteliges, schwarzes Ungetüm von einem Hund. Meine Kniee begannen zu schlottern, während mein Sohn unbekümmert voranschritt. Der Hund folgte jetzt ihm, ging auf Distanz zu mir, als würde er verstehen, warum mich jeder freilaufende Hund erschreckte, seit ich als Kind von einem Schäferhund von hinten umgestossen und gebissen worden war. Seither dauerte es seine Zeit, bis ich Vertrauen zu einem unbekannten Tier fasste, obwohl ich mit dem Schäferhund meiner Grosseltern aufgewachsen war.

Diese Zeit gewährte mir unser neuer Gefährte. Erst nach einer Weile, als ich mich nicht mehr vor ihm fürchtete, kam er zu mir und blieb dicht an meiner Seite, ganz ritterlicher Beschützer. Was für ein feinfühliges, sanftmütiges Geschöpf! Schon bald wuchs er meinem Sohn und mir ans Herz. Offenbar spürte er die aufflammende Zuneigung. Nach einer Weile rannte er übermütig nach vorn, dann wieder zurück und schaute aus treuen Augen zu mir hoch. Kam eine Wegkreuzung, wartete er geduldig, bis wir die Richtung vorgaben; ebenso, wenn wir uns ausruhten, um uns aus dem Rucksack zu verpflegen.

Am Nachmittag kehrten wir in einem Dorf in den Gasthof ein. Die Wirtin brachte dem Hund Wasser, und ich bestellte ein Paar Würstchen für ihn. Der Kerl hatte offenbar mächtig Hunger. Freudig stürzte er sich auf das Bestellte und hatte die beiden dünnen Würstchen in Sekundenschnelle verschlungen. Voll neuer Energie tollte er hierauf im Blumengärtchen der Wirtin herum. Ich versuchte ihn davon abzubringen, doch ohne Erfolg. Das erzürnte die Wirtin und sie befahl mir, meinen Hund zurückzurufen. «Er gehorcht mir nicht, denn er ist gar nicht mein Hund», gab ich zur Antwort und erntete ungläubiges Kopfschütteln. Rasch tranken wir aus, damit wir uns so schnell wie möglich mit unserem ungestümen Gefährten wieder auf den Weg machen konnten. Ich begriff, dass das Tier gewohnt war, sich äusserst frei zu bewegen.

Auf der Schlussstrecke bangten wir um ihn. Es war eine befahrene Strasse, und Barry, wie wir ihn inzwischen nannten, rannte mitten auf der Strasse kreuz und quer vor uns her. Da fand ich es an der Zeit, ihn zurückzuschicken. Wenig erstaunlich, auch diesmal gehorchte er nicht. Immer wieder redete ich ihm gut zu, scheuchte ihn weg. Er blieb. Hatte er uns nicht den ganzen Tag begleitet? Uns sozusagen adoptiert? Uns gezeigt, dass ihm an uns lag?

Auf dem Bahnhof versuchte ich erneut, ihn zur Umkehr zu bewegen. Doch er wich nicht mehr von unserer Seite. Als der Zug kam, wollte Barry partout mit uns einsteigen, so dass der Zug schliesslich ohne uns wegfahren musste. «Schau, mein lieber Barry», erklärte ich ihm, «du wärst in der Stadt todunglücklich. Ausserdem ist in unserer Wohnung kein Platz für einen so grossen Hund wie dich.» Wie hätte er das verstehen können? Er kannte offensichtlich nur die Freiheit auf dem Land. Schweren Herzens gingen wir zum Stationsbüro und erklärten dort die Sachlage. «Er trägt eine Marke. Lassen Sie ihn hier, wir werden morgen seine Besitzer ausfindig machen», schlug die nette Stationsbeamtin vor. Nachdem sie ihn im Stationsbüro eingeschlossen hatte, entfernten wir uns. Ein letztes Mal sahen wir zurück. Barry sprang verzweifelt hinter der Scheibe auf und ab und heulte, dass wir es draussen hören konnten. Meine Brust zog sich zusammen. Am liebsten hätte ich mitgeheult.

Wie ich anderntags bei meinem Anruf erfuhr, war er auf einem Bauernhof zu Hause. Weshalb hatte er weglaufen wollen? Wurde er schlecht behandelt, oder fühlte er sich einsam, weil seine Besitzer keine Zeit für ihn hatten? Wir wussten ja unterdessen, dass sich unter dem struppigen Fell ein gefühlvolles Herz versteckte.

Selten bringen wir Menschen es fertig, starke Gefühle wie etwa Schmerz, Verzweiflung, Enttäuschung derart unvermittelt zu äussern wie Barry. Dabei brächte dies die Menschen einander näher. Hunden gelingt dies spielend. Ob man einen Hund nicht zuletzt deshalb «den besten Freund des Menschen» nennt?   

Elisabeth, 3.4.2019

2 Kommentare zu „Der Hund

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