Asiatisches Raclette

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Beim Eindunkeln am ersten Abend unseres Ferienaufenthalts in Bangkok begaben DER MANN und ich uns zum Essen in ein thailändisches Restaurant, das uns der Reiseveranstalter nicht zuletzt deshalb empfohlen hatte, weil dort nicht nur asiatische Gerichte serviert würden. Auf diese Weise könnten wir die Anpassung an fremde Speisen langsam angehen, ohne Magenverstimmung schon am ersten Abend wegen ungewohnt scharfer Gewürze. Nett gemeint.  

Der «Green Garden» machte seinem Namen alle Ehre: den üppig grünen Garten am kleinen Gewässer zierten ebenso üppig herunterhängende Girlanden voller farbig leuchtender Lämpchen. Hübsch und friedlich – eine kleine Oase inmitten des mächtig rauschenden Grossstadtverkehrs. Als wir die Menukarte studierten, glaubte ich kaum, was da stand: Schweizer Raclette! Noch mehr staunte ich, als DER MANN genau dies für sich bestellte. Als die Speisen serviert wurden, stellte die umfangreiche Käseplatte samt Bratspeck, Kartoffeln und Raclette-Öfeli mein bescheidenes thailändisches Reisgericht völlig in den Schatten.

Ich lachte, als die Bedienung das Öfeli, das durch ein viele Meter langes Kabelwirrwarr mit dem Restaurant verbunden war, an unserem Gartentisch einsteckte. Gar nicht ums Lachen war es den sechs am Nebentisch sitzenden, streng dreinblickenden Männern. Mir fielen sie auf, weil sie alle in etwa gleich aussahen: schlank, hochgewachsen und von Kopf bis Fuss in schöne lange Gewänder gehüllt. Ihre schwarzen Bärte bildeten einen starken Kontrast zum schneeweissen Stoff ihrer Kleider. Sie und wir waren die einzigen Gäste im Garten. Alle anderen sassen drinnen im Restaurant.

Voller Vorfreude liess DER MANN das erste Stück Käse schmelzen, dann ein zweites. In genau dieser Sekunde gab’s einen kurzen Knall, die weissgewandeten Männer sahen strafend zu uns herüber, es zischte, begleitet von einem Fünkchen und einem Räuchlein. Im nächsten Moment waren Garten und Restaurant in völlige Dunkelheit getaucht, nur die weissen Gewänder schimmerten schemenhaft im Mondenschein. Es war ein Kurzschluss mit Folgen: Sämtliche Gäste (und bestimmt auch der Koch) mussten den restlichen Abend bei Kerzenlicht verbringen, DER MANN würgte Käse und Speck roh herunter. Der weissliche, merkwürdig schmeckende Käse stammte wohl kaum aus der Schweiz. Schliesslich waren wir ja auch nicht im Wallis… Die sechs Männer unterhielten sich nur noch flüsternd miteinander: Wir hatten uns verdächtig gemacht.  

Jedesmal, wenn wir Raclette essen, denken wir schmunzelnd zurück ans asiatische Raclette in Bangkok und sind dankbar für die reibungslos funktionierende schweizerische Stromversorgung.

Elisabeth, 30.1.2019

8 Kommentare zu „Asiatisches Raclette

  1. Hallo Elisabeth, da bin ich ja genau richtig online gegangen, nach einem harten und stressigen Tag war es mir ein Vergnügen, deinen Beitrag zu lesen! Bei ‚Fünkchen und einem Räuchlein‘ musste ich enorm grinsen)))) und mir fiel gleich ein anderer Beitrag von dir ein, indem ihr in einer Hotelhalle auch die komplette Aufmerksamkeit für euch gesichert hattet….
    Abschließend habe ich jedoch mal eine Frage: Warum schreibst du immer DER MANN, wenn du von deinem Mann schreibst???? 🙂 Liebe Grüße Bea

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    1. Liebe Bea, herzlichen Dank für Deinen Kommentar, der mich wie immer sehr freut. Das mit DEM MANN ist eine gute Frage, aber einfach zu beantworten. Ich habe mich mit ihm auf diese Schreibweise geeinigt. Er ist ein zurückhaltender Mensch und fühlt sich „in der Anonymität“ wohler. Inzwischen wissen die meisten natürlich schon, wer gemeint ist. Es ist jedoch auch für mich in Ordnung: In meinen Erlebnissen kommen immer wieder mir bekannte Personen vor; deshalb habe ich entschieden, niemanden mit Namen zu nennen und finde das gut so. Am Anfang war es höchst ungewiss, welche Reaktionen der Blog auslösen würde. Liebe Grüsse und einen stressfreien Abend, Elisabeth

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      1. Danke für die Erklärung, jetzt kann ich das ein wenig besser einordnen – auch wenn ER ja durch die Großbuchstabenvariante NOCH mehr ins Auge fällt. :-))) Anyway – es signalisiert ja gleichfalls, dass er in deinem Leben eine große Rolle spielt und das allein zählt! Ich wünsche dir auch noch einen angenehmen Abend und freue mich schon jetzt auf deine nächste Geschichte…..liebe Grüße Bea

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  2. „Wenn jemand eine Reise tut, so kann er was erzählen“. Dieses Zitat von Matthias Claudius (1740-1815) bewahrheitet sich also ungebremst auch in unserer Zeit, wie Deine hübsche Geschichte liebe Elisabeth zeigt.
    Mein bestes echtes Schweizer Raclett habe ich natürlich mehrfach, wie kann es anders sein, im Motel La Guyere in der Fribourg Region Nähe Genfer See, verspeist. Dort hat man eigens wegen des Racletts (und event. Geruchsbelästigung der anderen Gäste) für die Raclettfreunde einen gesonderten Gastraum eingerichtet.
    Dieses Motel war über mehr als ein Jahrzehnt eine angenehme Zwischenstation mit wunderschöner Umgebung auf dem Weg nach Spanien. Also dann auf zur nächsten Geschichte, auf die ich mich schon freue!
    Ein schönes Wochenende wünscht Ursula

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    1. Vielen Dank, liebe Ursula. Auch Du hast einen reichen Reise-Erfahrungsschatz und weisst darum jeweils ganz genau, wovon ich schreibe… Diese Woche habe ich am Radio gehört, dass man ungeliebte Käsegerüche eindämmen kann (im Winter bei uns besonders aktuell wegen Raclette und Fondue), wenn man nach dem Essen ein Schüsselchen mit Essig oder Kaffeesatz aufstellt. Zumindest im Backofen scheint es zu funktionieren, wenn man ihn leicht aufheizt. Liebe Grüsse aus Bern, Elisabeth

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