Augen, die sehen

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Während Jahrzehnten wohnte ich in einem mehr als 100jährigen Haus, das Teil einer langen und doppelten Häuserzeile war. Wenn ich auf den Küchenbalkon trat, sah ich die nur etwa 70 m entfernten Wohnungen im Haus gegenüber. Dazwischen lag ein begrünter Innenhof. DER MANN rauchte des öftern auf dem Balkon, ebenso ein Mann, der etwas oberhalb schräg gegenüber wohnte. Er war, wie DER MANN gesehen hatte, ein sehr alter Mann.

Eines Tages sah ich mitten am Tag Licht in jener Wohnung brennen. Erst dachte ich mir nichts dabei. Doch am Abend und am nächsten Morgen brannte das Licht noch immer, auch als ich abends auf dem Balkon war, leuchtete die Wohnung hell aus dem Dunkel. An diesem Abend gingen DER MANN und ich aus. Es wurde spät resp. früh. Als DER MANN nach Mitternacht vor dem Schlafengehen die letzte Zigarette des Tages rauchte, war das Licht noch immer an. «Du, da stimmt etwas nicht», sagte ich. «Vielleicht ist dem alten Mann etwas passiert und er braucht Hilfe?» Jetzt überlegte ich nicht mehr lange und rief bei der Polizei an. Etwa 10 Minuten später läuteten zwei nette Beamte an der Tür. Sie liessen sich den Standort der Wohnung von unserem Balkon aus zeigen und umrundeten dann die Häuserzeile, um an der Wohnung gegenüber zu läuten. Wir warteten gespannt. Nach einer Weile wurde es dunkel in der Wohnung. Zu guter Letzt meldeten sich die Polizisten wieder bei uns: «Der Mann hatte vor zwei Tagen am Abend Besuch und vergass danach, das Licht zu löschen. Er hat es nicht gemerkt, denn er ist blind.»

Blind zu sein ist unvorstellbar für uns Sehende. Vor Jahren war ich im Spital mit einer blinden Frau im gleichen Zimmer. Mitten in der Nacht stand sie auf, um zur Toilette zu gehen. Sie tappte in der schwärzesten Dunkelheit an meinem Bett vorbei. Ich schrak auf. «Zünden Sie doch das Licht an», rief ich aufgeregt, nicht realisierend, wie unüberlegt das war. «Bei dieser Dunkelheit werden Sie noch hinfallen und sich verletzen!» Ruhig antwortete die Frau: «Keine Angst, ich finde mich schon zurecht. Ich würde doch bei Licht auch nichts sehen. Für mich ist immer alles stockdunkel.»  

Wir Sehenden sind manchmal in einem anderen Sinn blind und bemerken nicht einmal das Naheliegendste, wie folgendes Beispiel zeigt:

Hochrot im Gesicht, hastet die junge Mutter zum Bus. Ihre Entfernung ist hoffnungslos in Anbetracht dessen, dass der Chauffeur im Begriff ist wegzufahren. Eine Frau in nächster Nähe zum Bus hat sie jedoch bemerkt. Mit einem warmen Lächeln drückt sie den Türöffner, bis die Frau samt Kind und Kinderwagen angerannt kommt und eingestiegen ist. Erst dann schlüpft auch sie rasch herein. Die junge Mutter würdigt ihre Helferin, ohne die sie jetzt im Regen auf den nächsten Bus warten müsste, keines Blickes – sie ist mit ihrem Handy beschäftigt. Ihr Baby behandelt sie nicht besser, es liegt unbeachtet, still, im Wägelchen. Als sie später aussteigt, gibt ihr die freundliche Frau erneut liebevoll den Vortritt und drückt den Türöffner entsprechend lang. Wieder nichts, kein Danke, kein Nicken, nicht einmal ein Blick. Das Leuchten im Gesicht der hilfsbereiten Frau ist erloschen – es ist das Letzte, was ich wahrnehme, bevor ich im Bus weiterfahre. Ich werde nachdenklich: Wie oft kommt es wohl vor, dass wir es gar nicht bemerken, wenn uns jemand etwas zuliebe tut? Oder dass wir es zwar sehen, aber gar nicht anerkennen? Das nächste Mal: bitte lächeln! 

Elisabeth, 23. Januar 2019

4 Kommentare zu „Augen, die sehen

  1. Zwei sehr interessante Themen die du da aufgegriffen hast…. und die Beispiele spiegeln, dass man niemals so ganz alleine ist – auch wenn man es nicht bemerkt, weil man gerade nicht alle Sinne beisammen hat.
    Ich schicke dir ein Lächeln…. 🙂 LG Bea

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  2. Bitte lächeln liebe Elisabeth! Ich tue es auch und es fällt mir nicht schwer, es ist wie mit dem Grüßen – der Mund fällt von ganz aleine wieder zu. So einfach ist es, die Welt etwas harmonischer und angenehmer zu machen. Es kostet keinen Cent! Vor Jahrzehnten erlebten wir in Hongkong, dass fast jeder Passant auf der Straße mit einem Handy unterwegs war und damit ganz und gar mit sich selbst beschäftigt. Damals meinten wir, nur gut das dies bei uns zuhause noch nicht so unpersönlich vorgeht und niemand des anderen mehr eines Blickes würdigt. Heute sind wir mit dem Smartphone auch in Deutschland wie auch bestimmt in der Schweiz auf dem gleichen Niveau. Man braucht kein Gegenüber mehr, um sich zu unterhalten oder keinen Blick mehr aus dem Bus, um sich an der Landschaft zu erfreuen. Der Blick ins Handy stillt alle Bedürfnisse mit all seinen Apps und Nachrichten, Videos usw.
    Schade eigentlich! LG Ursula

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