Das lagunengrüne Kleid

white speed boat on body of water across green trees
Photo by Ruslan Alekso on Pexels.com

Heute möchte ich nochmals nach Korsika zurückkehren. Denn selbstverständlich ist die Insel für mich nicht nur die Ratte in idyllischer Umgebung (siehe Beitrag «Olivenmühle» vom 3.10.18) – nein, weit mehr bedeutet sie für mich grosszügig erfahrene Hilfsbereitschaft und Warmherzigkeit. Das folgende Beispiel möge dies sichtbar machen.

Am Tag vor unserem Ferienende kauft mir DER MANN in einer Boutique ein lagunengrünes Kleid mit einer weinroten Echarpe. Obwohl es nicht sehr teuer ist, werde ich liebevoll und geduldig beraten. Beschwingt verlasse ich das Geschäft, überzeugt, etwas Besonderes mit hinauszutragen. Allein schon die kräftigen Farben! Der ungewöhnliche Schnitt! Es steht mir gut, und ich freue mich ungemein.

Wir haben Zeit an diesem letzten Ferientag. In der Konditorei trinken wir Kaffee und essen eines dieser himmlischen Himbeertörtchen. Auf der Restaurant-Terrasse mit Blick aufs Meer bestellen wir köstlichen Salat mit frischen Feigen, süssen Erdbeeren, saftigen Tomaten und zartschmelzendem Burrata. Mhmm! Bevor wir zum kleinen Bahnhof schlendern, um zu unserem Ferienort zurückzufahren, sitzen wir auf einer schattigen Parkbank und schauen spielenden Kindern zu.

Zurück im Hotel, beginne ich zu packen, da wir morgen in aller Frühe abreisen. Erst ganz am Schluss fällt mir auf, dass die Tüte mit dem lagunengrünen Kleid fehlt. DER MANN hilft beim Suchen. Es nützt alles nichts: Das Kleid ist verschwunden! Ich bin den Tränen nahe. Um etwas zu tun, beginne ich zu telefonieren: mit dem Bahnhof, dem Restaurant, der Konditorei, der Boutique – am liebsten würde ich auch mit der Parkbank… Niemand hat das Kleid gefunden, alle bedauern, sagen, es sei, bei so vielen Touristen, natürlich verloren. Die liebenswürdigen Verkäuferinnen der Boutique sind ebenfalls betrübt, versichern mir dann aber, dass sie sich noch gut an mich und meine hellblauen Augen erinnern und dass das genau gleiche Kleid samt Echarpe in meiner Grösse noch vorhanden sei. Auf meinen Wunsch hin versprechen sie, ihren Chef für einen möglichen Versand zu gewinnen. Schon fast wieder beschwingt fliege ich in die Schweiz zurück. In den folgenden Tagen gehen freundliche E-mails zwischen der Schweiz und Korsika hin und her, die am Freitag der gleichen Woche in Frédérics Worten gipfeln: «Merci pour la très jolie carte, Elisabeth, je vous poste le colis dès aujourdhui.»

Zwei Tage später, am Sonntag, kommt vom Flughafen Calvi in Korsika ein Anruf. Ein Schweizer Ehepaar, das eine Woche länger auf der Insel bleiben konnte, hatte vor unserer Abreise im Hotel mein Pech mit dem Kleid mitbekommen. Jetzt rufen sie an: «Wir haben dein Kleid gefunden! Es ist im Zug bis nach Calvi gerattert. Eine nette Stationsbeamtin hat es auf unsere Bitte hin gesucht, und gestern konnten wir es am Bahnhof abholen. Wie war noch mal die Farbe? Lagunengrün? Mit einer weinroten Echarpe? Das ist es! Wir bringen es mit in die Schweiz!» Es gibt wirklich liebe Menschen, ob in der Schweiz oder in Korsika!

Verrückt, aber wahr. Nach zwei Wochen gelangen die beiden Pakete gleichentags in meinen Besitz. Ich packe sie voller Freude aus, gerührt über soviel Hilfsbereitschaft von allen Seiten. Mein Glaube an das Gute im Menschen ist neu gestärkt.

Doch nun frage ich Euch: Was mache ich mit zwei tupfengleichen lagunengrünen Kleidern und zwei tupfengleichen weinroten Echarpen? Selbst wenn sie etwas Besonderes sind?
Weiss jemand Rat?

Elisabeth, 24.10.2018

4 Kommentare zu „Das lagunengrüne Kleid

  1. Eine wundervolle Geschichte und wichtig die Erkenntnis : Es lohnt sich, an das Gute im Menschen zu glauben! Wie wäre es mit einem Foto des Kleides? Ich bin neugierig. Ihre eifrige Leserin Ursula aus Deutschland

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Ursula, Deine Kommentare sind immer wieder eine Freude. Nächsten Sommer mache ich bestimmt ein Foto. Es sind bereits ein paar Ideen gekommen. Eine Klassenfreundin brachte auf witzige Art den Partnerlook ins Spiel. Weiter ist Färben oder Verkaufen vorgeschlagen worden. Macht Spass! Elisa

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