Olivenmühle

green leaf fruit tree selective focal photo
Photo by Julia Sakelli on Pexels.com

Es ging gegen fünf Uhr nachmittags an diesem prächtigen Septembertag, irgendwo in den Bergen Korsikas, als wir sie in einer Wegbiegung entdeckten: Die «Moulin Huile d’Olive», ein altes Steinhaus mit einer vorgelagerten Bar und einem verlockenden kleinen Laden. Sonnenkringel tanzten auf Tischchen und Stühlen, lockten zum Verweilen unter uralten Bäumen. «Schau mal, was für ein lauschiges Plätzchen,» rief ich entzückt. DER MANN hielt an und parkte das Auto unter einer ausladenden Eiche, während ich an der Bar zwei Cafés «Noisette» (=korsische Espressi mit Milchhaube) bestellte, d.h. bestellen wollte. Die Demoiselle erklärte mir und einem weiteren Touristen, sie habe keine Kasse mehr, wir sollten die Getränke doch bitte im Laden nebenan bezahlen, dann würde sie den Kaffee für uns zubereiten. Im Laden standen noch ein, zwei andere neugierige Kunden, so dass ich erst nach ein paar Minuten zurück war. Erstaunt entdeckte ich, dass die Bar jetzt leer war. Laut dem MANN war auch die Toilette im leuchtend blauen Wellblechhäuschen ein paar Meter weiter inzwischen abgeschlossen worden. Aus den Augenwinkeln sah ich gerade noch, wie die Bardame hastig ins Auto ihres Freundes stieg und rasch mit ihm wegfuhr.

Freundlicherweise war die Kollegin aus dem Laden bereit, den bereits bezahlten Kaffee zu machen, nicht ohne nach der Milch suchen und den übervollen Kapselbehälter leeren zu müssen. Die winzige Espressomaschine stand hinter der Theke ein paar Zentimeter über dem Boden auf einem schmalen Brettchen. Was tat’s? Wir setzten uns mit unseren Tässchen unter die schattigen Bäume, wo wir den idyllischen Ort auf uns wirken und unsere Haut von der milden Septemberluft streicheln liessen. Jäh schraken wir auf. Knapp an unseren Füssen vorbei spazierte gemächlich eine kleine, unglaublich dicke Ratte zur Hausmauer, wo sie am elektrischen Kabel hinaufkletterte, sich auf die Theke plumpsen liess und dann im Innern der offenen Bar verschwand. Erst jetzt bemerkten wir den wenig appetitlichen Ausschank, die verschmierten Pfannen, die fettverklebte Fritteuse, die Unordnung von Geschirr, Gläsern, Vorräten, Besteck.
(Ich zweifle keinen Moment daran, die Ratte und ihre Freunde waren hingerissen von soviel Freundlichkeit.) Der Anblick stand in eigenartigem Gegensatz zum Geschäftsschild über der Bar, wo in grossen Lettern die Worte «Création Gourmande» hervorstachen. Ich erzählte der Verkäuferin von der Ratte, die wohl ein «Gourmet» und eine regelmässige Besucherin sei. Sie zuckte die Schultern und meinte, für die Bar und für Ratten sei sie nicht zuständig, nur für den Laden. Wenigstens waren die beiden vorher erstandenen Oliven-Produkte nicht hier produziert worden, sondern in der Provence. Wobei… Ratten gibt’s natürlich auch in der Provence.

«Die Seelenruhe ist besser als alles, was man sonst noch erwerben möchte.» Dieses Credo der  charmanten, selbstbewussten Korsen, deren Blut auch mal kräftig in Wallung geraten kann, passt ganz gut zu unserem Erlebnis. Unsere Seelenruhe hat’s uns nicht gekostet, dazu ist die unberührte Berglandschaft Korsikas zu friedlich – aber die Lust am schönen Schein. In stillem Einvernehmen standen wir auf und verliessen das lauschige Plätzchen, bevor noch mehr fette Ratten zum Abendessen kamen. Romantik ist eben nicht alles.

3.10.2018, Elisabeth

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