Fliegen

white and grey bird flying freely at blue cloudy sky
Photo by Pixabay on Pexels.com

Da schwebte sie über dem Boden, die riesige dickbauchige «Zigarre», bewegte sich im Wind leicht hin und her, zerrte an den Seilen, als könne sie es kaum erwarten, wieder in die Luft zu steigen.

Wir standen voller Vorfreude am Gate und liessen uns vom Personal ganz genau in Handtaschen und Säcke schauen: 14 Abenteuerlustige. Weltweit gibt es nur noch 5 Zeppeline, 3 davon in Friedrichshafen, im 75m langen Gefährt werden Rundflüge von 30 bis 120 Minuten angeboten. Es stand uns also ein nicht ganz alltägliches Unternehmen bevor. DER MANN, der nicht mitkam, hatte mir erklärt, heutige Zeppeline würden mit Inertgas gefüllt, das als unbrennbar gelte. Erst bei der Sicherheitskontrolle bemerkte ich, dass hinten auf dem Flugticket stand: Aus Sicherheitsgründen sind Batterien, Explosivstoffe, leicht entflammbare Materialien, leicht brennbare Flüssigkeiten, Zündhölzer, Feuerzeuge usw. nicht erlaubt. Wie bitte? Ist Inertgas nun brennbar oder nicht?

Doch das trat völlig in den Hintergrund, als das Luftschiff beinahe senkrecht emporstieg und wir praktisch liegend in die Sitze gedrückt wurden. Ein wundervolles Gefühl erfasste mich. Rasch liessen wir die Erdenschwere hinter uns, tauchten ein in eine sanft schimmernde Welt, liessen uns umhüllen von diesem betörenden Schwebegefühl, von Luft, Himmel, Wind und Wolken. 300 Meter unter uns funkelte der Bodensee, ragten überall die weissen Spitzen der Segelboote aus dem Wasser, spähten am Ufer Menschen zu uns empor. Der uralte Traum vom Fliegen findet im Luftschiff wohl seinen vollkommensten Ausdruck.

Visionäre wie Ferdinand von Zeppelin rufen zwangsläufig Kritiker auf den Plan. Der Pazifist und Journalist Carl von Ossietzky schrieb 1929: Nur in des kleinen Mannes Abgötterei ist der Zeppelin ein Wunder. In der Welt der sozialen Wirklichkeit wird er eine Attrappe, ein glitzernder Irrwisch, ein Potemkinsches Dorf. 

Während ich schwelgte, verging der Mann hinter mir beinahe vor Angst – «Potemkinsches Dorf» und «Attrappe» hin oder her. Erst als wir nach einer halben Stunde festen Boden unter den Füssen hatten, bekamen seine fahlen Wangen wieder Farbe. Laut rief er: «Gottseidank ist nochmals alles gut gegangen!» Wahrscheinlich hatte er die ganze Herrlichkeit des Fluges verpasst. Warum in aller Welt hat sich dieser Mensch freiwillig in eine Situation begeben, die ihn in Panik statt in einen Freudentaumel versetzte? Eine Mutprobe auf Grund von Flugangst? Eine Wette? Oder wurde er urplötzlich von der Vorstellung des rasenden Feuers übermannt, das die «Hindenburg» in Lakehurst 1937 mitsamt ihren Passagieren binnen weniger Minuten grausam auslöschte? Bei einem Absturz erstrecken sich Sekunden zu qualvollen Ewigkeiten, wie mir Freundin Ursula erzählte, die ein Flugdesaster zum Glück überlebte.

Wie auch immer: Es ist nochmals alles gut gegangen…

6. September 2018, Elisabeth

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s