Wo die Liebe hinfällt

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Photo by Mukesh Mohanty on Pexels.com

Auf dem Weg zu einem der berühmten bulgarischen Klöster kommt die Touristengruppe durch ein Dorf, wo eine fröhliche Hochzeit im Gange ist, an der offenbar alle Einwohner teilnehmen. Die Hochzeitsgäste feiern ausgelassen, die temperamentvolle Tanzmusik ist weitherum hörbar. Im Bus meldet sich einer der Touristen: «Kann ich bitte aussteigen? Ich war noch nie an einer bulgarischen Hochzeit. Das tausendjährige Kloster interessiert mich sowieso nicht besonders. Ich komme schon irgendwie ins Hotel zurück.» Widerwillig lässt ihn der Reiseleiter gehen. «Aber vergessen Sie nicht, übermorgen früh fahren wir weiter,» schärft er ihm ein. Die Bedenken sind gerechtfertigt. Am nächsten Tag sichtet niemand den Mann im Hotel. Als die Reisegruppe am übernächsten Morgen zur Abfahrt bereit steht, fehlt er prompt. Der Reiseleiter muss wohl oder übel einen Abstecher ins betreffende Dorf machen. Dort sucht er nicht lange. An der unordentlichen Hochzeitstafel sitzen nur noch drei Leute: Die Braut, der Bräutigam und der spontane Hochzeitsgast. Mit nüchternen Augen betrachtet, sind alle drei in einem eher jämmerlichen Zustand. Glückselig jedoch schon! Die beiden Männer halten sich an der Braut fest, die mit verrutschtem Schleier und zerknautschtem Brautkränzlein weinselig lächelnd zwischen ihnen sitzt und sich abwechselnd tolpatschig küssen lässt. Als der Reiseleiter den abtrünnigen Touristen auffordert, mit ihm zu kommen, lallt dieser mit trübem Blick: «Ich bleibe hier, ich geh nie mehr weg. Ich liebe sie (er drückt die Braut noch enger an sich) und sie liebt mich.» Dem Bräutigam scheint’s nichts auszumachen. Er stammelt in seiner Sprache: «Jawoll!» Daraufhin wackeln alle drei bestätigend mit dem Kopf.

Der Reiseleiter lässt den Liebeskranken dort und benachrichtigt die Agentur. «Was will man machen? Wo die Liebe hinfällt…»

Wie’s weitergegangen ist? Ich weiss es leider nicht. Was meint Ihr, gab’s ein Happy End – oder doch eher ein böses Erwachen?

Elisabeth, 21.8.2018

 

 

4 Kommentare zu „Wo die Liebe hinfällt

  1. Hallo Elisa, wieder eine schöne Geschichte für uns Leser! Danke! Ich habe tatsächlich auch einmal in der Nähe des Rilaklosters in Bulgarien eine Hochzeit miterleben dürfen. Große Herzlichkeit und Gastfreundschaft verbunden mit übbigem Essen und reichlich Alkohol und demzufolge ausgelassener Stimmung. Also ich denke, wenn die Ausnüchterung der drei Beteiligten vollzogen ist, gibt es ein Habby End – das Hochzeitspaar wieder versöhnt und der Gast mit einer schönen Erinnerung wieder zuhause. Liebe Grüße von Ursula aus der Oberlausitz

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  2. Hallo Ursula, Ja, ein fröhliches Fest sollte fröhlich enden! Vielleicht hat sich das Hochzeitspaar am Tag danach einfach nur gefragt, woher dieser Fremde so plötzlich komme… Ich freue mich auf den Bericht IHRER bulgarischen Hochzeit. Ich kann bestätigen, dass die Bulgaren sehr charmant und gastfreundlich sind. Liebe Grüsse, Elisa aus Bern

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