Die Metzgerei

Der Garten meines Elternhauses grenzte an eine Metzgerei samt Schlachthaus, über dem permanent der penetrante Gestank faulender Knochen hing. Dieser wehte an heissen Sommertagen besonders lästig über den Zaun. Als Kind überkam mich jedesmal Ekel, so dass ich es vorzog, am anderen Ende unseres Grundstücks zu spielen.

Zur Metzgerei gehörte eine Wirtschaft, was mir ebenfalls zu schaffen machte. Ich fürchtete mich vor Betrunkenen, ebenso verabscheute ich den abgestandenen Biergeruch, der die ‚Eintracht’ umgab. Wenn ich vorbeigehen musste, beschleunigte ich den Schritt, selbst dann, wenn im Sommer ein Pferdefuhrwerk davorstand und kräftige Männer viereckige Eisblöcke zum Kühlen des Biers in den Keller hinuntertrugen, nasse Spuren von tropfendem Eis hinterlassend.

Den stämmigen Metzger, der auch Besitzer der ‚Eintracht’ war, kannte ich fast nur betrunken. Mit seinem Gesellen machte er bei der Arbeit ausgedehnte Pausen, er war selbst sein bester Gast. Auch als Metzger fand ich die beiden roh, musste ich doch öfters mitansehen, wie sie verängstigte Kälblein, Rinder und Schweine brutal aus dem Transportfahrzeug zerrten und die Tiere schlugen, wenn sie sich sperrten. Eines Tages gab es plötzlich Lärm und Aufregung. Der Metzger stolperte aus dem Schlachthaus, die Hand umklammerte ein Bolzengewehr. Vor dem Schlachten einer Kuh hatte er seinem Gesellen aufgetragen, das Tier am Horn zu halten, damit es nicht fortlaufen könne, aber in dem Moment, als der Meister abdrückte, fiel der Geselle zu Boden – die Kuh stand noch. Nun schrie der Metzger seinen ganzen Haushalt und die halbe Nachbarschaft zusammen: „Ich habe meinen Gesellen getötet!“ Man schaute erschrocken nach – und was fand man? Unter dem Schlachttisch einen Bolzen, der sein Ziel verfehlt hatte, daneben eine Kuh, die gutmütig auf den Gesellen hinunterschaute, der neben ihr lag. Nicht das Geschoss, sein Vollrausch hatte ihn zu Boden geworfen. Für Spott war gesorgt!

Der Ekel vor vergammelten Knochen ist in mir festgebrannt und lauert darauf, jederzeit, auch bei geringstem Anlass, wieder hervorzubrechen, wie das bei eindrücklichen Kindheitserinnerungen halt eben so der Fall ist. Auf einen Festtag hin haben DER MANN und ich das teure DRY AGED Beef gekauft, das wochenlang am Knochen reift und heute in allen Metzgereien der Renner ist. Wir freuten uns auf den «besonderen Genuss», aber dann… Ihr wisst, was kommt: Ich erinnerte mich.

Seither weiss ich, dass mir dieses Fleisch mit seinem «gereiften Geschmack» nie und nimmer schmecken wird. (Von wegen Nuss- und Butter-Geschmack…) Mag es noch so zart und exklusiv sein! Mag ich noch so quer in der hippen Konsumentenlandschaft stehen!

Man muss ja nicht jeden Trend mitmachen – findet Ihr nicht auch?

Elisabeth, 16.1.2019

Alt sein

Photo by James Wheeler on Pexels.com  

Sagt die Besucherin zur 97Jährigen, die seit Jahren alleinstehend ist: «Man bekommt im Leben nicht alles.» «Nein», antwortet die Greisin, «aber einen Mann sollte man schon haben.» Ich kann sie verstehen. Warum sollte man mit 97 die Liebe weniger brauchen als mit 17?

Der 96Jährige kann kaum noch essen und trinken, geschweige denn kauen. Man muss ihm alles einlöffeln. Yoghurt oder Pudding sind am einfachsten. Vor jedem Löffelchen richtet sich der alte Mann mühsam auf und fragt: „Hat es Vitamine drin?“ Der Sohn bejaht. Der Vater ist beruhigt: „Also ist es gesund.“ Dann isst er das Häppchen mit Appetit. Tage später verliert er das Interesse an irdischen Belangen und hört auf zu essen. Sanft entgleitet er dieser Welt, bar aller Sorgen um Vitamine und Gesundheit.

Der 91Jährige, ein gebrechlicher alter Herr, der trotz fortgeschrittener Demenz seine vollendete Höflichkeit nicht verloren hat, freut sich sehr über meinen Besuch, obwohl er keine Ahnung mehr hat, wer ich bin. Auch der mitgebrachte Schokoladen-Maikäfer macht ihm Freude, und er hält ihn bis zur Kaffeepause mit beiden Händen fest umklammert. Der Maikäfer überlebt dies nur in total geschmolzenem Zustand und kann selbst mit Hilfe eines Löffelchens nicht mehr gegessen werden. Ganz geblieben sind bloss die harten Mandeln, die die Flügel darstellten, aber die schmecken dem Senior nicht besonders, sind sie doch für sein Gebiss eine echte Herausforderung. Beim Abschied ist das kleine Debakel mit dem süssen Frühlingsboten und den klebrigen Fingern längst vergessen, entschwunden ins neblige Nichts. Könnte es sein, dass das Leben leichter wird, wenn man alles vergisst? Jedenfalls erspart es den Betroffenen den Gefühls- und Erinnerungssturm, dem wir Gesunden im Alltag laufend ausgesetzt sind.

Elisabeth, 9.1.2019

Träume

Photo by travis blessing on Pexels.com

Eine Freundin ist in der Stadt neu zugezogen. Sie wünscht sich wieder eine Beziehung, eine dauerhafte diesmal. Auf ihr Chiffre-Inserat melden sich diverse Herren. Sie wählt einen aus, der von Sehnsucht nach einem Neuanfang schreibt. «Da haben wir bereits eine grosse Gemeinsamkeit», findet sie. Ein Treffen mit ihm scheint allerdings etwas umständlich, berichtet er doch, dass er auch an den Wochenenden auf einem Gutshof arbeiten müsse.

Drei Wochen später fährt sie zur angegebenen Adresse. Mit den markanten alten Gebäuden sieht der Gutshof eher wie ein Schloss aus. Er ist idyllisch in einer Senke gelegen, mitten im Grünen, am träge dahinziehenden Fluss. Nachdem sie parkiert hat, stellt sie sich vor, dass dieser Gutshof ihm selbst gehört. Sie ist begeistert. Sie lächelt, als sie den grossen bunten Blumenstrauss vom Beifahrersitz nimmt, er scheint ein würdiges Geschenk für ihren Besuch an diesem stattlichen Ort.

Die erste Ernüchterung kommt, als sie das Tor verschlossen vorfindet. Ein mürrischer Mann lässt sie ein und durchsucht zu ihrem Erstaunen ihre Handtasche. Auch den Blumenstrauss unterzieht er einer genauen Prüfung. Was zum Kuckuck…? Obwohl sie gesagt hat, wen sie besuchen will und dass sie erwartet wird, begleitet sie ein weiterer Mann zu den Gebäuden. Erst, als er vor ihr und hinter ihr jede Türe auf- und wieder zuschliesst, wird ihr schlagartig bewusst, dass sie sich statt in einem Schloss hinter Schloss und Riegel befindet.

Doch sie ist ein mutiger Mensch, der nicht so schnell aufgibt. Im Besucherraum muss sie nicht lange warten. Kurz nach ihrem Eintreffen wird ein grosser, breitschultriger, attraktiver Mann hereingeführt. «Er hat wohl aus einer Notlage heraus eine grosse Dummheit begangen», denkt sie. «Und jeder verdient eine zweite Chance.» Der Mann setzt sich hinter der Glasscheibe ihr gegenüber. Er hat etwas sehr Anziehendes, er gefällt ihr. «Ich habe nicht gewusst, dass du im Gefängnis bist», sagt sie nach der Begrüssung. Zaghaft lächelt er und erwidert: «Du wärst wahrscheinlich nicht gekommen, wenn ich es dir vorher gesagt hätte.» «Ja, das stimmt», gibt sie zu. Es folgt eine Pause, es ist still im Raum. Sie betrachtet scheu den ernsten Mann, hält dann den Blumenstrauss hoch. «Schöne Blumen», sagt er und bedankt sich. Schliesslich fragt sie: «Was hast du denn angestellt, dass du hier sein musst?» Die Antwort haut sie um. «Ich habe meine Frau umgebracht.» Was?? Sie schiesst von ihrem Stuhl auf, der Blumenstrauss fällt zu Boden, während sie zur Tür stürzt. «Ich habe sie in unserem Schlafzimmer mit einem andern Mann erwischt», ruft er ihr zur Erklärung nach. Aber sie dreht sich nicht mehr um. Sie kann es kaum erwarten, dass ihr die Tür des Besucherraums geöffnet wird. Es scheint eine Ewigkeit zu dauern, bis man sie aus dem Gebäude ins Freie treten lässt. Wieder im Auto, kann sie geraume Zeit nicht wegfahren. Der Schreck sitzt ihr in den Knochen. Sie zittert am ganzen Leib. «Um Gotteswillen, das nicht. Nein, nein! Um Gotteswillen!» denkt sie aufgeregt.

Das Glück ist meistens nicht dort, wo wir es suchen. Und hochfliegende Träume halten der Realität selten stand.

Träumen wir trotzdem! Denn Träume können dazu beitragen, dass wir Neues ausprobieren, ungeahnte Fähigkeiten in uns entdecken, über uns selbst hinauswachsen. Ich wünsche Euch allen ein frohes, friedliches und gesundes 2019. Mögen Eure Träume in Erfüllung gehen!

Elisabeth, 1.1.2019

Die etwas andere Weihnachtsgeschichte

Photo by Pixabay on Pexels.com

Ich bin immer wieder fasziniert, mit welchen Geschichten das Leben aufwartet. Fiktion wirkt geradezu blass dagegen.  

Eine ältere Freundin erzählt, dass sie und ihr Partner übereingekommen seien, über die Weihnachtstage zur Abwechslung einmal eine Carreise zu machen. Gesagt, getan.

Es ist der 22. Dezember. Auf ihrer Durchreise nach Ungarn übernachten sie mit der Reisegruppe in einem schönen Hotel nahe der ungarischen Grenze. Die grosse Empfangshalle ist festlich dekoriert, und neben der hohen eleganten Treppe steht ein mächtiger, prächtig geschmückter Weihnachtsbaum. Um zum Abendessen in den Speisesaal im Erdgeschoss zu gelangen, gilt es, diese Treppe hinunter zu steigen. Auf den obersten Stufen kommt ihnen der Hoteldirektor entgegen und begrüsst sie freundlich. Meine Freundin verwickelt ihn sofort in ein lustiges Gespräch. Typisch für sie, ist sie doch eine stete Frohnatur. Ärgert sich ihr Partner über ihre Plauderei? Jedenfalls macht er einen Fehltritt, worauf er das Gleichgewicht verliert. Was liegt einem Landmann näher, als bei einem Baum Halt zu suchen? Also packt er in der Not mit festem Griff den sterngeschmückten Baumwipfel in seiner allernächsten Nähe.     

Alles, was dann geschieht, geschieht fast gleichzeitig. Der sich am Weihnachtsbaum festklammernde Mann segelt in weitem Bogen durch die Halle zu Boden, wo die Tanne krachend hinfällt und ihn unter sich begräbt, während Weihnachtskugeln zerbersten, Dekorationsmaterial und Kerzen wie Geschosse umherfliegen. Eine amerikanische Reisegruppe, die beim Empfang steht um einzuchecken, stiebt erschreckt auseinander. Dabei prallt eine der kreischenden Amerikanerinnen in einen mit Geschirr hoch beladenen Servierwagen, mit dem ein Hotelangestellter im Begriff war, die Lobby zu durchqueren. Scheppernd fällt das Geschirr zu Boden und zerbricht in tausend Stücke, das Chaos ist perfekt. Und meine Freundin? Sie ist nach unten geeilt und sucht unter dem Baum ihren Partner. Als er benommen auf allen Vieren zwischen den Zweigen hervorkriecht, stellt sie erleichtert fest, dass ihm nichts fehlt. Dann beginnt sie zu lachen. «Du hättest das Tohuwabohu und den kriechenden Mann sehen sollen! Der Anblick war einfach zu komisch,» berichtet sie prustend. Auch mich erheitern allein schon ihre Schilderungen. Doch man stelle sich vor: Rundum beherrschen Verwüstung, Panik, Verwirrung die Szenerie, der prächtige Weihnachtsbaum ist ruiniert, alles liegt in Scherben – und sie hält sich vor Lachen die Seiten! Der bedauernswerte Hoteldirektor, der mit stummem Entsetzen aus der Höhe alles mitansehen musste, hat mit Sicherheit überhaupt nicht gelacht…

Als die Schweizer Reisegruppe nach vier Tagen auf der Rückreise wieder in diesem Hotel absteigt, präsentiert sich die Eingangshalle nüchtern bis trist. Keine Kerzen, keine Kugeln oder Tannzweige, geschweige denn ein Weihnachtsbaum. Und das Enttäuschendste: der Direktor ist nun gar nicht mehr freundlich. Man kann es ihm nicht verdenken, oder?

Ich wünsche Euch allen fröhliche Weihnachten. Tragt Sorge, vor allem Euch selbst – aber auch dem Weihnachtsbaum!

Elisabeth, 19.12.2018

Partnersuche

Photo by Pixabay on Pexels.com

Wie gut haben’s heutige «Singles»! Wenn sie des Alleinseins überdrüssig sind, schafft das Internet auf vielfältige Weise Abhilfe. In den Achtzigern und Neunzigern versuchten bzw. suchten wir «einsamen Herzen» unser Glück mittels Kleinanzeigen in der Lokalpresse oder in Zeitschriften. In den Jahren nach meiner Scheidung bescherte mir dies bei jedem neuen Anlauf eine Menge Herzklopfen und schlaflose Nächte, ausserdem kostete es Nerven; zum einen, weil die Wahl zwischen möglichen Kandidaten aufregend, zeitraubend und schwierig war, zum andern, weil ich bisweilen ungewollt zur Projektionsfläche von männlicher Erbitterung und gekränkter Eitelkeit wurde. Auf diesem «Brachland» tummelte sich zudem auch der eine oder andere Spanner.     

An einem sonnigen Sonntagmorgen stehe ich einmal mehr auf einem fremden Bahnhof und warte auf mein «Date», einen Unternehmer aus der Region. Um diese Zeit ist nicht viel los, so dass mein Warten auffällt. Ein dicker Mann, der immer wieder in meine Nähe spaziert und mich offensichtlich von allen Seiten taxiert, fasst sich schliesslich ein Herz und fragt: «Warten Sie auf Walter?» Ein verwahrlost aussehender Jugendlicher schleicht dauernd um mich herum, starrt mich lauernd an. Wartet auch er? Oder will er Geld? Ein hinkender Mann mit schütterem Haar lächelt mich zum wiederholten Mal einladend an, d.h. jedes Mal, wenn er auf seiner Runde um den Bahnhof an mir vorbei kommt. Beim schätzungsweise 7. Mal fragt er: Sind Sie die Rosmarie? Eine ältere Frau nähert sich. «Warten Sie auch auf die Kinder aus dem Klassenlager?» Nein und nochmals nein!!! Zum Donner, wo bleibt der «50Jährige mit der Zeitung unter dem Arm»? Da endlich, nach zehn langen Minuten: Ein sympathischer, pfeifenrauchender Mann kommt geradewegs auf mich zu.

Es wird eine fröhliche, kurzweilige Wanderung über Stock und Stein, auf der wir einander viel zu erzählen haben. Keinen Moment wird’s langweilig. Später trinken wir in seinem Haus an bester Aussichtslage Kaffee und essen Kuchen. Dann fährt er mit mir in seinem Auto in meine Stadt,  wo er mich in ein gutes Restaurant zum Abendessen ausführt. Ein gelungenes Treffen, ein interessanter Mann, ein vielversprechender Anfang! Da könnte etwas draus werden! Ich bin ganz glücklich. Am Ende des Abends will ich mich vor dem Haus, wo ich wohne, im Auto von ihm verabschieden. Als ich mich anschicke, ihm herzlich zu danken, ist der Mann, mit dem ich den ganzen Tag aufs angenehmste verbracht habe, urplötzlich nicht mehr wiederzuerkennen. Er packt mich brutal, drückt mich so fest an sich, dass ich fast ersticke. Grob kneift er mich an den  empfindlichsten Stellen, macht mir weh. Ich bin wie vor den Kopf geschlagen, verharre starr vor Schreck. Dann jedoch steigt Empörung in mir hoch. Sie hilft mir, Bärenkräfte zu entwickeln, und schliesslich gelingt es, mich loszureissen und ins Haus zu laufen. Völlig verwirrt verbringe ich wieder einmal eine schlaflose Nacht.

Am Montagabend komme ich erst gegen elf von meiner Arbeit als Englisch-Kursleiterin nach Hause. Vor meiner Türe wartet ein riesiger Blumenstrauss auf mich. Kaum habe ich die Wohnung aufgeschlossen, klingelt das Telefon. Als ich antworte, ist es der Unternehmer. «Aha,» denke ich, «der Prachtsstrauss soll wohl eine Art Wiedergutmachung sein.» «Sind die Blumen von dir?» frage ich. «Welche Blumen?» tönt es zurück. «Warum sollte ich dir Blumen schicken?» GuteFrage… «Nein», fährt er fort, «ich rufe an, weil ich mir soeben vorgestellt habe, wie du dich ausziehst und nackt im Bett liegst.» Der Hörer ist schneller zurück auf der Gabel, als ich denken kann.

Und der Blumenstrauss? Er ist, wie ich erst jetzt auf dem reizenden Kärtchen lesen kann, von einem Engländer, den ich rein zufällig im Theater kennenlernte – neckischerweise am gleichen Tag, als mein Inserat in der Tageszeitung erschien. Er versprach damals, mich nach seiner 2wöchigen Abwesenheit von der Schweiz zu kontaktieren – und tatsächlich! Kärtchen und Blumen sind der Auftakt zu einer fröhlichen Sommer-Romanze mit einem humorvollen englischen Gentleman.

Vom pfeifenrauchenden Unternehmer mit dem schicken Haus und den zwei Gesichtern habe ich nie wieder etwas gehört. Wen kümmert’s? Aber halt! Wäre das nicht ein absolut klassischer Fall für #MeToo? Keine Zeugen – blaue Flecken längst verheilt – fast 30 Jahre her?? Puhhh!

Elisabeth, 12.12.2018 

Schönheit

attractive beautiful beautiful girl beauty
Photo by Pixabay on Pexels.com

Älter werden hat etwas Grausames, besonders für uns Frauen, haben wir doch schon in frühester Jugend verinnerlicht, dass Weiblichkeit mit «Zierde» verknüpft ist. Und nun das: Es sind nicht nur die körperlichen Unzulänglichkeiten, die mit den Jahren langsam aber sicher bei uns Einzug halten, nein, es ist ebenso die Schönheit, die sich in immer schnellerem Tempo von uns verabschiedet. Kürzlich war ich an einem Vortragsabend, der sich damit beschäftigte, wie wir Frauen Gegensteuer geben können. Die erschütternde Botschaft: Man kann das Alter nicht besiegen (haben wir das nicht schon immer gewusst?), man kann es nur hinauszögern, und das ist, weiss Gott, alles andere als billig.
Eine erfahrene Spezialärztin erklärte die Aufgabe der weiblichen Hormone bzw. die Folgen ihres Ausbleibens. Ehrlich erläuterte sie die drei Möglichkeiten, die uns Frauen noch bleiben. Wie bei allem, was vernünftig und kostenlos ist, steht an erster Stelle ein gesunder Lebensstil: nicht rauchen, nicht trinken, wenig Zucker, dafür viel Sport (Was macht ein Sportmuffel wie ich?). Einiges an Erfolg und Wohlbefinden bieten Hormonpräparate und Nährstoffe. Am wirkungsvollsten jedoch sind – man staune und seufze – teure medizinische Eingriffe wie Straffungen, Mundmodellierungen, Filler-Spritzen. Selbstverständlich muss solches regelmässig wiederholt werden, und das im ganzen Gesicht. Denn es gibt nicht nur Lachfältchen (die stören am wenigsten, obwohl böse Zungen von «Krähenfüssen» sprechen). Schauen wir den Tatsachen tapfer ins Gesicht, dann entdecken wir auch Stirnfalten (alle 10 Jahre eine mehr, sagen die Experten – wieder zu Hause, hab’ ich sofort nachgezählt!). Allmählich machen sich hängende Hamsterbäckchen und das gefürchtete Doppel- oder gar Dreifachkinn breit. Schlupflider verwandeln uns optisch in Chinesinnen, aus dem Nichts tauchen Halsfalten auf, die einer Schildkröte Ehre machen würden. (Habt Ihr bemerkt, wie viele ältere Damen Foulards tragen?) Die Knitterfalten rund um den Mund sowie die Furchen vom Nasenflügel zum Mundwinkel sind schuld, dass wir zusehends verhärmt oder gar grimmig aussehen. Es ist zum Heulen, so viele mimische Entgleisungen auf einem einzigen Gesicht! Von den Zornesfalten zwischen den Augenbrauen ganz zu schweigen. (Ich glaube, ich habe im Verlauf des Abends mindestens eine bekommen!)

Das alles wäre ja noch zu ertragen, aber was ist mit den hässlichen, ringförmigen Polstern rund um Taille und Hüfte, die uns aussehen lassen, als wären wir mit dem dicken chinesischen Buddha verwandt? Hier lautet das Zauberwort: Kältebehandlungen. (Mich friert allein der Gedanke…).

Du meine Güte! Jetzt begreife ich, warum alternde Männer sich plötzlich für junge Frauen interessieren: die kosten praktisch nichts, zumindest in kosmetischer Hinsicht. Aber wisst Ihr was? Mir ist an dem Abend erstmals klar geworden, dass wir Frauen uns gar nicht für die Männer schön machen (Tut mir leid, Ihr Lieben!), sondern für unsere Geschlechtsgenossinnen. Da füllten derart schick gekleidete und toll geschminkte Damen den Saal, dass ich vor Neid erblasste. Wie Models sahen viele von ihnen aus, schlank und rank, gestylt und getrimmt von Kopf bis Fuss, während ich so daherkam, wie ich nun einmal bin. Fühlt man sich als Frau da noch wohl? Nein, natürlich nicht! Inmitten solch blendender Perfektion saust das eigene Selbstbewusstsein flugs in den Keller.

Erst zu Hause kam ich wieder zu mir. Nie und nimmer würde ich einen solchen Aufwand betreiben, selbst wenn ich das nötige Kleingeld hätte. Wir müssen sowieso aufpassen, dass diesbezügliche Bemühungen mit der Zeit nicht etwa ins Gegenteil umschlagen. Mir ist es lieber, wenn man mir ansieht, dass ich über 70 bin und die Leute finden: «Die sieht in ihrem Alter doch noch ganz passabel aus», als dass sie mich wegen meiner Beauty Tricks viel jünger einschätzen und denken: «Diese 60Jährige mit den tiefschwarzen Locken sieht irgendwie alt aus.»

Was also? Liebe Schicksalsgenossinnen, ich schlage vor, wir machen’s wie der dickwanstige Buddha: Lächeln wir dem Leben und dem Alter entgegen! Fühlt sich das nicht prima an? Denn der chinesische Buddha lächelt, weil er glücklich ist (so will es zumindest die Legende). Und: Lächeln macht erst noch schön!

Elisabeth, 5.12.2018

Herzinfarkt

grey scale photo of mouse in textile
Photo by freestocks.org on Pexels.com

Mein damals vierjähriger Sohn bekam im Winter einen starken Husten, so dass ich mit ihm zum Kinderarzt ging. Der Arzt hörte die geplagte kleine Brust aufmerksam mit dem Stethoskop ab – etwas völlig Unbekanntes für das Kind. Nachdem wir die Praxis verlassen hatten, sah es mit bekümmertem Gesichtchen zu mir auf und flüsterte: «Mami, bekomme ich jetzt einen Herzimfrack?»

Der Herzinfarkt kam 42 Jahre später – und mit solcher Wucht, als hätte er in der langen Zwischenzeit Anlauf genommen. Jene Tage gelten als die schwärzesten in meinem Leben. Gottlob konnte der Sohn durch das Einpflanzen von drei Stents gerettet werden. Wunderbarerweise ist er inzwischen wieder wohlauf.

Jedes von uns muss bisweilen Schweres durchmachen. Deshalb ist es sinnlos, neidisch auf jene zu schielen, denen es blendend geht, während man selbst in der Tinte sitzt. Das Leben ist ein ewiges Auf und Ab. Glück ist nie selbstverständlich, umso mehr empfinden wir es als etwas Kostbares. Wahr ist aber auch, dass wir es erst nach einer Pechsträhne so richtig schätzen können. Am dankbarsten sind wir wahrscheinlich, wenn wir «Glück im Unglück» haben.

Zum Thema «Pech» fällt mir eine Anekdote ein, die mit einer ziemlich unverblümten Lebensweisheit aufwartet. Vielleicht kennt Ihr sie schon?

Ein Mäuschen, das vor einer Katze floh, rannte in den Stall und flehte atemlos die nächstbeste Kuh an: „Ich werde verfolgt! Bitte hilf mir!“ „Mach ich“, brummte die Kuh gutmütig, „stell dich ganz schnell unter meinen Schwanz.“ Und schon platschte ein grosser Kuhfladen auf das Tierchen herab. Da erschien die Katze im Stall, sah sich kurz um. Dann schnappte sie sich – schwupps – das arme Mäuschen und frass es mit Haut und Haar. Und die Moral von der Geschicht’?

•  Nicht jeder, der dich ansch…., meint es schlecht mit dir.

  Nicht jeder, der dich aus dem Dreck zieht, meint es gut mit dir.

 Wenn du schon im Dreck hockst, dann zieh wenigstens den Schwanz ein!

Tröstlich zu wissen – und jetzt geht’s nicht um Mäuse: Wir sind Schwierigkeiten nie auf Gedeih und Verderben ausgeliefert. Vor allem dann nicht, wenn wir an Gott glauben.

Elisabeth, 28.11.2018