Schönheit

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Älter werden hat etwas Grausames, besonders für uns Frauen, haben wir doch schon in frühester Jugend verinnerlicht, dass Weiblichkeit mit «Zierde» verknüpft ist. Und nun das: Es sind nicht nur die körperlichen Unzulänglichkeiten, die mit den Jahren langsam aber sicher bei uns Einzug halten, nein, es ist ebenso die Schönheit, die sich in immer schnellerem Tempo von uns verabschiedet. Kürzlich war ich an einem Vortragsabend, der sich damit beschäftigte, wie wir Frauen Gegensteuer geben können. Die erschütternde Botschaft: Man kann das Alter nicht besiegen (haben wir das nicht schon immer gewusst?), man kann es nur hinauszögern, und das ist, weiss Gott, alles andere als billig.
Eine erfahrene Spezialärztin erklärte die Aufgabe der weiblichen Hormone bzw. die Folgen ihres Ausbleibens. Ehrlich erläuterte sie die drei Möglichkeiten, die uns Frauen noch bleiben. Wie bei allem, was vernünftig und kostenlos ist, steht an erster Stelle ein gesunder Lebensstil: nicht rauchen, nicht trinken, wenig Zucker, dafür viel Sport (Was macht ein Sportmuffel wie ich?). Einiges an Erfolg und Wohlbefinden bieten Hormonpräparate und Nährstoffe. Am wirkungsvollsten jedoch sind – man staune und seufze – teure medizinische Eingriffe wie Straffungen, Mundmodellierungen, Filler-Spritzen. Selbstverständlich muss solches regelmässig wiederholt werden, und das im ganzen Gesicht. Denn es gibt nicht nur Lachfältchen (die stören am wenigsten, obwohl böse Zungen von «Krähenfüssen» sprechen). Schauen wir den Tatsachen tapfer ins Gesicht, dann entdecken wir auch Stirnfalten (alle 10 Jahre eine mehr, sagen die Experten – wieder zu Hause, hab’ ich sofort nachgezählt!). Allmählich machen sich hängende Hamsterbäckchen und das gefürchtete Doppel- oder gar Dreifachkinn breit. Schlupflider verwandeln uns optisch in Chinesinnen, aus dem Nichts tauchen Halsfalten auf, die einer Schildkröte Ehre machen würden. (Habt Ihr bemerkt, wie viele ältere Damen Foulards tragen?) Die Knitterfalten rund um den Mund sowie die Furchen vom Nasenflügel zum Mundwinkel sind schuld, dass wir zusehends verhärmt oder gar grimmig aussehen. Es ist zum Heulen, so viele mimische Entgleisungen auf einem einzigen Gesicht! Von den Zornesfalten zwischen den Augenbrauen ganz zu schweigen. (Ich glaube, ich habe im Verlauf des Abends mindestens eine bekommen!)

Das alles wäre ja noch zu ertragen, aber was ist mit den hässlichen, ringförmigen Polstern rund um Taille und Hüfte, die uns aussehen lassen, als wären wir mit dem dicken chinesischen Buddha verwandt? Hier lautet das Zauberwort: Kältebehandlungen. (Mich friert allein der Gedanke…).

Du meine Güte! Jetzt begreife ich, warum alternde Männer sich plötzlich für junge Frauen interessieren: die kosten praktisch nichts, zumindest in kosmetischer Hinsicht. Aber wisst Ihr was? Mir ist an dem Abend erstmals klar geworden, dass wir Frauen uns gar nicht für die Männer schön machen (Tut mir leid, Ihr Lieben!), sondern für unsere Geschlechtsgenossinnen. Da füllten derart schick gekleidete und toll geschminkte Damen den Saal, dass ich vor Neid erblasste. Wie Models sahen viele von ihnen aus, schlank und rank, gestylt und getrimmt von Kopf bis Fuss, während ich so daherkam, wie ich nun einmal bin. Fühlt man sich als Frau da noch wohl? Nein, natürlich nicht! Inmitten solch blendender Perfektion saust das eigene Selbstbewusstsein flugs in den Keller.

Erst zu Hause kam ich wieder zu mir. Nie und nimmer würde ich einen solchen Aufwand betreiben, selbst wenn ich das nötige Kleingeld hätte. Wir müssen sowieso aufpassen, dass diesbezügliche Bemühungen mit der Zeit nicht etwa ins Gegenteil umschlagen. Mir ist es lieber, wenn man mir ansieht, dass ich über 70 bin und die Leute finden: «Die sieht in ihrem Alter doch noch ganz passabel aus», als dass sie mich wegen meiner Beauty Tricks viel jünger einschätzen und denken: «Diese 60Jährige mit den tiefschwarzen Locken sieht irgendwie alt aus.»

Was also? Liebe Schicksalsgenossinnen, ich schlage vor, wir machen’s wie der dickwanstige Buddha: Lächeln wir dem Leben und dem Alter entgegen! Fühlt sich das nicht prima an? Denn der chinesische Buddha lächelt, weil er glücklich ist (so will es zumindest die Legende). Und: Lächeln macht erst noch schön!

Elisabeth, 5.12.2018

Herzinfarkt

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Mein damals vierjähriger Sohn bekam im Winter einen starken Husten, so dass ich mit ihm zum Kinderarzt ging. Der Arzt hörte die geplagte kleine Brust aufmerksam mit dem Stethoskop ab – etwas völlig Unbekanntes für das Kind. Nachdem wir die Praxis verlassen hatten, sah es mit bekümmertem Gesichtchen zu mir auf und flüsterte: «Mami, bekomme ich jetzt einen Herzimfrack?»

Der Herzinfarkt kam 42 Jahre später – und mit solcher Wucht, als hätte er in der langen Zwischenzeit Anlauf genommen. Jene Tage gelten als die schwärzesten in meinem Leben. Gottlob konnte der Sohn durch das Einpflanzen von drei Stents gerettet werden. Wunderbarerweise ist er inzwischen wieder wohlauf.

Jedes von uns muss bisweilen Schweres durchmachen. Deshalb ist es sinnlos, neidisch auf jene zu schielen, denen es blendend geht, während man selbst in der Tinte sitzt. Das Leben ist ein ewiges Auf und Ab. Glück ist nie selbstverständlich, umso mehr empfinden wir es als etwas Kostbares. Wahr ist aber auch, dass wir es erst nach einer Pechsträhne so richtig schätzen können. Am dankbarsten sind wir wahrscheinlich, wenn wir «Glück im Unglück» haben.

Zum Thema «Pech» fällt mir eine Anekdote ein, die mit einer ziemlich unverblümten Lebensweisheit aufwartet. Vielleicht kennt Ihr sie schon?

Ein Mäuschen, das vor einer Katze floh, rannte in den Stall und flehte atemlos die nächstbeste Kuh an: „Ich werde verfolgt! Bitte hilf mir!“ „Mach ich“, brummte die Kuh gutmütig, „stell dich ganz schnell unter meinen Schwanz.“ Und schon platschte ein grosser Kuhfladen auf das Tierchen herab. Da erschien die Katze im Stall, sah sich kurz um. Dann schnappte sie sich – schwupps – das arme Mäuschen und frass es mit Haut und Haar. Und die Moral von der Geschicht’?

•  Nicht jeder, der dich ansch…., meint es schlecht mit dir.

  Nicht jeder, der dich aus dem Dreck zieht, meint es gut mit dir.

 Wenn du schon im Dreck hockst, dann zieh wenigstens den Schwanz ein!

Tröstlich zu wissen – und jetzt geht’s nicht um Mäuse: Wir sind Schwierigkeiten nie auf Gedeih und Verderben ausgeliefert. Vor allem dann nicht, wenn wir an Gott glauben.

Elisabeth, 28.11.2018

Sauna

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Die Sauna mag ich nicht. Es ist mir zu heiss da drin. Ich lasse mir nicht gerne einheizen, und ausserdem… Was ist das nur für ein Brauch, bei dem sich wildfremde Menschen freiwillig auf engstem Raum in stickiger Luft zusammenpferchen, mit Leuten notabene, die sie ausserhalb der Sauna nicht einmal grüssen würden? Doch jetzt schnauft, keucht und schwitzt man gemeinsam, was das Zeug hält. «Faute de mieux» betrachtet man die zur Schau gestellten Fettpölsterchen und wabbeligen Bäuche vis-à-vis und fragt sich, ob man ebenso unattraktiv aussieht. Fremde Ausdünstungen vermischen sich mit der eigenen. Fremder Schweiss tropft auf die Bank, auf der man sitzt. Die unschöne Blösse, die man sich hier gibt, hätte in der Öffentlichkeit, ausserhalb der Sauna, mit Sicherheit etwas Anstössiges. Oder besitzen alle Saunagänger/innen tolle, gestählte Körper wie in der Werbung?

Wie dem auch sei, einmal, da haben’s DER MANN und ich in einem schönen Hotel in Österreich versucht, d.h. es war nur ein Dampfbad. Kurz und gut, wir sind da rein in das kleine Häuschen, im Badeanzug und mit dem Badetuch unterm Arm. Niemand war drin, und rasch begannen die Schweissbäche zu rinnen. Auf einmal geht die Türe auf, und ein fremder, splitternackter Mann tritt ein. Leicht verlegen schauen wir weg. Da öffnet dieser freche Mensch den Mund und sagt deutsch und deutlich: „Ihr zwa san Sauhunde!“ Was, wir haben wohl nicht richtig gehört? Empört schauen wir ihn an – ist doch eher er ein nackter Sauhund, oder? Doch schon fährt er fort: „Im Badeanzug geht doch kaaner ins Dampfbad, des is ja so was von unhygieeenisch!“ Wortlos greifen wir nach unserm Frottétuch, schleichen betreten fort. Tja, das war’s dann – Sauna und Dampfbad können uns seither gestohlen bleiben. Wir sind doch keine Sauhunde, oder?

Elisabeth, 21.11.2018

Affentheater

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(Fortsetzung vom 7.11.2018, „Auf Safari“)

Am Tag danach wollte es mit „Abrahams schützendem Schoss“ nicht so recht klappen. Das hatte jedoch weder mit Nachtwächter Mose noch mit Tansania etwas zu tun.

An diesem Tag beschloss ich, mich auszuruhen, um meine Afrika-Erlebnisse gemütlich Revue passieren zu lassen. Nachdem die anderen zur letzten Morgen-Safari aufgebrochen waren, breitete sich im Camp eine wohltuende Stille aus. Eben hatte ich es mir im Liegestuhl vor meinem Zelt bequem gemacht, als er auftauchte: Ein eher kleiner, struppiger, unsympathischer Kerl von einem Affen, der mich aus bösen Knopfaugen scharf beobachtete. Sass ich auf seinem Lieblingsspielplatz? Seine Gegenwart machte mich unruhig. Ich hatte in Malaysia Affen fotografiert und in Indonesien Affen gefüttert, auch eine Affenmutter, an deren Brust sich ein winziges Baby festklammerte, während sie sich die Erdnüsschen schnappte. Aber dieser Affe hier sah alles andere als freundlich aus.

„Piss off,“ sagte ich mit lauter Stimme. Er machte keine Anstalten, der Aufforderung Folge zu leisten, im Gegenteil, er kam näher. Als er sich anschickte, die Treppe zu mir herauf zu hüpfen, spürte ich instinktiv die nahende Gefahr. Ich erhob mich und stieg auf der entgegengesetzten Seite die Treppenstufen hinunter zum schmalen Weglein, das zum Zentrum des Camps führte.

Ich war erst ein paar Meter gegangen, als es in den hohen Bäumen auf beiden Seiten des Pfades lebendig wurde. Rundum raschelte und knackte es. Die Geräusche und Bewegungen folgten mir auf dem Fuss, ja, sie wurden immer schneller. Mein Nackenhaar begann sich zu sträuben. Ich beschleunigte meinen Schritt, doch vergebens. Als ich auf die breite Lichtung hinaustreten wollte, welche die Zelte von den zentralen Gebäuden trennte, traute ich meinen Augen nicht: Vor mir, in einem grossen Halbkreis, waren etwa zwanzig Affen versammelt und versperrten mir den Weg. Nicht genug, sie fletschten die Zähne, schauten mich lauernd an, hockten sprungbereit! Jetzt geriet ich wirklich in Panik. Ein kräftiger Adrenalinschub – und ich schrie aus Leibeskräften in die Lichtung hinaus: „Help!!! Help!!!“ Das schien die Affen zu verblüffen, lenkte sie kurz ab.

Gottseidank gehören die Kenianer zu den schnellsten Läufern der Welt. In den folgenden bangen Sekunden sah ich drei von ihnen in weit ausholenden Sprüngen und laut rufend heranstürmen. Der erste, der bei mir ankam, nahm mich sogleich schützend in die Arme, die zwei anderen warfen grosse Steine auf die zornige Affenbande. Obwohl Affen vor den Einheimischen Respekt haben, dauerte es eine Ewigkeit, bis sich die Tiere zurückzogen. Mit zitternden Knien liess ich mich zum Freiluft-Restaurant führen, wo ich mich den ganzen Tag kaum vom Fleck rührte. „Das war gefährlich. Ab sofort dürfen Sie sich nicht mehr frei im Camp bewegen, sondern nur noch in Begleitung. Die Burschen kennen Sie jetzt,“ erklärten meine Retter. Offenbar hatte ich mich mit dem reizbaren, übellaunigen Chef einer Affensippe angelegt, der schon früher unangenehm aufgefallen war.

Erleichtert verliess ich anderntags das Masai Mara. Ist schon klar: nicht er ist in meinen Lebensbereich eingedrungen, sondern ich in seinen, aber dennoch… Kaum auszumalen, was nur allzu leicht hätte passieren können. Vom Affen gebissen zu sein, ist schlimm genug – geschweige denn von einer ganzen Sippe! Mich schaudert’s noch immer.

Elisabeth, 14.11.2018

 

Auf Safari

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Die komfortablen Zelte für Safari-Touristen im Masai Mara in Kenia lagen nahe beim Grenzfluss. Nur eine schmale Holzbrücke trennte sie und damit uns von Tansania. Die Zelte liessen sich von aussen öffnen. Frühmorgens kam nämlich ein Butler, um die Teilnehmer der ersten Tagessafari zu wecken. Das Beste daran: die heisse Tasse Tee mit Biskuits, die er neben Bett und Moskitonetz auf ein Tischchen stellte.

Meine freundlichen Zeltnachbarn, ein junges Paar aus Österreich, fragten mich am dritten Morgen: «Hast du den Aushang gesehen, der zu erhöhter Wachsamkeit aufruft? Letztes Jahr wurde eine deutsche Touristin hier in ihrem Zelt von Männern aus Tansania überfallen und vergewaltigt.» – «Sicher hab ich das gelesen. Es ist bedrohlich. Zumal ich als einzige allein hier im Camp und im Zelt bin.» – «Du brauchst dir nun wirklich keine Sorgen zu machen. Sag mal, was hast du mit dem Nachtwächter angestellt? Etwa mit ihm geflirtet?“ wollten sie mit belustigtem Unterton wissen. – „Nein, wieso?“ fragte ich zurück. – „Er steht mit seinem Speer die ganze Nacht nur vor deinem Zelt. Nicht nur uns ist das aufgefallen. Dabei müsste er doch gleichmässig alle Zelte bewachen, findest du nicht auch?» Ich antwortete nicht. Natürlich hatten sie Recht. Doch jetzt musste ich lächeln. So sicher wie in Abrahams Schoss würde ich mich nun in der kommenden Nacht fühlen.

Weshalb diese unverhoffte Bevorzugung? Überraschend einfach: Am ersten Abend nach unserer Ankunft war ich mit dem netten jungen Nachtwächter, er hiess Mose, ins Gespräch gekommen, denn wenn man allein unterwegs ist, hat man immer Zeit für einen Schwatz. Dabei hatte ich mich nach seiner Familie erkundigt und erfahren, dass sie weit weg wohnte. Aus Mitgefühl hatte ich ihm etwas Geld gegeben, damit er sie wieder einmal besuchen könne. Seine Freude war gross. Auch seine Dankbarkeit, wie ich jetzt begriff, und mir wurde ganz warm ums Herz. Als Alleinreisende ist man für Liebenswürdigkeiten besonders empfänglich und froh um jedes Quentchen zusätzlichen Schutz.

Laufend werden wir gewarnt, dass Gewalt noch mehr Gewalt hervorrufe. Wäre es nicht sinnvoller darüber zu reden, dass Freundlichkeit in aller Wahrscheinlichkeit mit Freundlichkeit erwidert wird?
(Forts. folgt nächste Woche)

Elisabeth, 7.11.2018

Was jetzt?

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Eine 100Jährige hält sich im schlingernden Bus mühsam an zwei Stangen fest. Den angebotenen Sitzplatz lehnt sie jedoch resolut ab: „Wissen Sie, bis ich wieder aufgestanden bin, ist der Bus drei Stationen weiter!“

Ebenfalls im Bus treffe ich die Nachbarin von der Wohnung gegenüber mit ihrem 3Jährigen. „Wo ist DER MANN?“ ruft der pfiffige Kleine, der uns immer schon von weitem entdeckt und grüsst. „Er ist heute in Zürich,“ antworte ich. „Und, kommt er wieder?“ will er wissen. „Natürlich,“ sage ich. Zu Hause steigen wir die Treppe hoch. Vor unserer Wohnung bleibt der kleine Naseweis stehen. „Wohnst du hier?“ fragt er mit strenger Miene. „Ja,“ entgegne ich, ein wenig erstaunt, weil er das doch längst wissen müsste. „Aber DER MANN ist doch gar nicht hier,“ meint er vorwurfsvoll. – Jaaa, was machen wir denn jetzt?? Muss ich mich auf die Treppe setzen und warten, bis DER MANN heimkommt?

Umgeben von Bergen von Gepäck und reisefertig gekleidet, steht die ganze Familie, Grosseltern, Eltern, drei kleine Kinder, erwartungsvoll am Check-in-Schalter. Sie sehen nicht aus, als wohnten sie gleich um die Ecke, eher so, als hätten sie eine längere Anreisezeit zum Flughafen hinter sich. Als der Familienvater die Flugreservationen vorlegt, sagt die Angestellte: «Sie fliegen erst morgen um diese Zeit.» Der Vater erbleicht, wehrt dann aber tapfer ab: «Nein, nein, wir haben auf den 10. gebucht.» «Ja eben,» entgegnet die Frau am Schalter, «heute ist der 9. und nicht der 10.» Die Familie steht wie vom Donner gerührt. Was jetzt? Es ist fast wie beim Eile-mit-Weile-Spiel: Zurück auf Platz 1 und alles nochmals von vorn – nur ist das hier schlimmer. Oje!

Elisabeth, 31.10.2018

Das lagunengrüne Kleid

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Heute möchte ich nochmals nach Korsika zurückkehren. Denn selbstverständlich ist die Insel für mich nicht nur die Ratte in idyllischer Umgebung (siehe Beitrag «Olivenmühle» vom 3.10.18) – nein, weit mehr bedeutet sie für mich grosszügig erfahrene Hilfsbereitschaft und Warmherzigkeit. Das folgende Beispiel möge dies sichtbar machen.

Am Tag vor unserem Ferienende kauft mir DER MANN in einer Boutique ein lagunengrünes Kleid mit einer weinroten Echarpe. Obwohl es nicht sehr teuer ist, werde ich liebevoll und geduldig beraten. Beschwingt verlasse ich das Geschäft, überzeugt, etwas Besonderes mit hinauszutragen. Allein schon die kräftigen Farben! Der ungewöhnliche Schnitt! Es steht mir gut, und ich freue mich ungemein.

Wir haben Zeit an diesem letzten Ferientag. In der Konditorei trinken wir Kaffee und essen eines dieser himmlischen Himbeertörtchen. Auf der Restaurant-Terrasse mit Blick aufs Meer bestellen wir köstlichen Salat mit frischen Feigen, süssen Erdbeeren, saftigen Tomaten und zartschmelzendem Burrata. Mhmm! Bevor wir zum kleinen Bahnhof schlendern, um zu unserem Ferienort zurückzufahren, sitzen wir auf einer schattigen Parkbank und schauen spielenden Kindern zu.

Zurück im Hotel, beginne ich zu packen, da wir morgen in aller Frühe abreisen. Erst ganz am Schluss fällt mir auf, dass die Tüte mit dem lagunengrünen Kleid fehlt. DER MANN hilft beim Suchen. Es nützt alles nichts: Das Kleid ist verschwunden! Ich bin den Tränen nahe. Um etwas zu tun, beginne ich zu telefonieren: mit dem Bahnhof, dem Restaurant, der Konditorei, der Boutique – am liebsten würde ich auch mit der Parkbank… Niemand hat das Kleid gefunden, alle bedauern, sagen, es sei, bei so vielen Touristen, natürlich verloren. Die liebenswürdigen Verkäuferinnen der Boutique sind ebenfalls betrübt, versichern mir dann aber, dass sie sich noch gut an mich und meine hellblauen Augen erinnern und dass das genau gleiche Kleid samt Echarpe in meiner Grösse noch vorhanden sei. Auf meinen Wunsch hin versprechen sie, ihren Chef für einen möglichen Versand zu gewinnen. Schon fast wieder beschwingt fliege ich in die Schweiz zurück. In den folgenden Tagen gehen freundliche E-mails zwischen der Schweiz und Korsika hin und her, die am Freitag der gleichen Woche in Frédérics Worten gipfeln: «Merci pour la très jolie carte, Elisabeth, je vous poste le colis dès aujourdhui.»

Zwei Tage später, am Sonntag, kommt vom Flughafen Calvi in Korsika ein Anruf. Ein Schweizer Ehepaar, das eine Woche länger auf der Insel bleiben konnte, hatte vor unserer Abreise im Hotel mein Pech mit dem Kleid mitbekommen. Jetzt rufen sie an: «Wir haben dein Kleid gefunden! Es ist im Zug bis nach Calvi gerattert. Eine nette Stationsbeamtin hat es auf unsere Bitte hin gesucht, und gestern konnten wir es am Bahnhof abholen. Wie war noch mal die Farbe? Lagunengrün? Mit einer weinroten Echarpe? Das ist es! Wir bringen es mit in die Schweiz!» Es gibt wirklich liebe Menschen, ob in der Schweiz oder in Korsika!

Verrückt, aber wahr. Nach zwei Wochen gelangen die beiden Pakete gleichentags in meinen Besitz. Ich packe sie voller Freude aus, gerührt über soviel Hilfsbereitschaft von allen Seiten. Mein Glaube an das Gute im Menschen ist neu gestärkt.

Doch nun frage ich Euch: Was mache ich mit zwei tupfengleichen lagunengrünen Kleidern und zwei tupfengleichen weinroten Echarpen? Selbst wenn sie etwas Besonderes sind?
Weiss jemand Rat?

Elisabeth, 24.10.2018