Maeklong

Kennt Ihr Thailand? Und das Dorf Maeklong? Wenn nicht, erfahrt Ihr gleich, warum es berühmt ist.

In 1¼ Stunden bringt uns der Fahrer von Bangkok nach Maeklong. Der Gang durch den lokalen Markt ist auch diesmal, wie überall in Asien, ein farbenprächtiger Augenschmaus. Er führt vorbei an dicken, silbrig-zappelnden Fischen, blutenden, soeben abgehackten Fischköpfen und frisch zerteilten Fleischstücken, leuchtenden Stapeln bunter Früchte und Blumen, kochenden Frauen vor dampfenden Töpfen, allerlei Haushaltsartikeln wie sie noch meine noch Mutter benutzte, Kleidern, Schuhen jeglicher Farbe und Grösse, grellbunten Plastikkübeln mit krabbelnden Insekten, frittierten Hühnerfüssen, und – kaum verlockender – 6cm grossen gesalzenen Käfern. Das riesige Angebot ist nicht immer appetitlich für uns: Gebratene Peking-Enten mit allem Drum und Dran, also mit  Schnabel und Füssen, baumeln über den Köpfen der Käufer und sind für etwas mehr als einen Franken zu haben; getrocknete Gedärme, Schwalbennester, rosarote nicht etwa gefärbte Eier, Kuhmägen, ganze Schweineköpfe, sowie eine Unmenge weiterer, undefinierbarer Delikatessen, von denen einige in der drückenden, schwülen Hitze zum Himmel stinken – und doch ist dieses bildstarke, intensiv riechende Gewimmel und wilde Gekrabble absolut sehenswert.  

Jetzt stehen DER MANN und ich auf dem Bahnhof am Ende des Marktes. Maeklong ist die letzte Station des aus Bangkok kommenden Pendlerzuges. Man weiss nie genau, wann er kommt, manchmal hat er eine Stunde Verspätung. Billette muss man eine halbe Stunde vor dem Eintreffen des Zuges lösen, nämlich dann, wenn sich der Beamte ins Billetthäuschen setzt. Hier ist vor allem eines gefragt: Geduld.

Das Besondere an Maeklong ist, dass der Zug mitten durch den Markt fährt. Um das zu sehen, sind wir hier. Der 100jährige Markt ist nämlich älter als die Zugslinie, und es kommt nicht in Frage, dass ein Markt, diese allerwichtigste Lebensader des thailändischen Alltags, aufgehoben wird – wegen einer Bahnlinie schon gar nicht.

Wir warten neugierig am Rand des Marktes, zusammen mit anderen Touristen, die ihre Kameras bereits gezückt haben. Man hört von weit her das Pfeifen einer Lokomotive. Jetzt entstehen im Markt der Bahnlinie entlang gezielte Aktivitäten. Flink und routiniert, aber keineswegs hastig, werden Sonnendächer von Marktständen aufgerollt, Kleiderständer, Kübel und Behälter ein paar Meter nach hinten verschoben, das am Boden zum Verkauf ausgebreitete Gemüse abgetragen, so dass nur noch eine ca. 10cm hohe Schicht davon liegen bleibt. Von Hektik keine Spur. Unterdessen hat man auch beidseits des Strässchens, das vor dem Bahnhof liegt, zwei Bahnschranken von Hand heruntergeholt. Und jetzt kommt er in Sicht: ein breiter, mächtiger schwarzer Koloss von einem Zug mit gut 30cm hohen Trittbrettern. Er wälzt sich langsam dafür stetig, pfeifend und schnaufend durch den ganzen Markt, über sämtliche am Gleisrand liegenden Waren hinweg, haarscharf an Verkaufsständen, Verkäufern und fotografierenden Touristen vorbei.

Es ist ein spektakulärer Anblick, den wir nie vergessen werden. Und das Beste: es zeigt die kreative, erstaunliche, täglich von neuem einwandfrei funktionierende Lösung eines Interessenskonflikts. Wunderbar!

Elisabeth, 20.3.2019

Brille: Fielmann.

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Die Beiständin meiner demenzkranken Freundin bittet mich, die betagte Frau zu Fielmann zu begleiten, um eine Brille zu besorgen. «Sie hat doch seit Jahrzehnten Linsenimplantate, schon seit ihrem schweren Unfall Anfang der Achtzigerjahre. Ich habe sie noch nie mit einer Brille gesehen», berichte ich der Beiständin. «Nun braucht sie aber eine Brille», beharrt diese. «Im Pflegeheim sagen sie, dass sie gar nichts mehr lesen kann. Ich schicke Ihnen das Rezept des Augenarztes. Bitte vergessen Sie nicht: Die Kostenlimite für Gläser und Gestell beträgt Fr. 200.»

Die Freundin ist ganz übermütig wegen des Ausflugs ins Stadtzentrum, während ich mir überlege, ob ich nicht vorher hätte anrufen sollen, um die Fielmann-Angestellten über die Demenzerkrankung ins Bild zu setzen. In Gegenwart meiner Freundin will ich die Krankheit natürlich nicht erwähnen. Ich tröste mich mit dem Gedanken, dass die Demenz sicher sehr rasch erkannt werde. Mitnichten! Meiner teilnahmslos dasitzenden Freundin erklärt eine Optikerin anhand von komplizierten Tabellen die Art und Funktion von Gleitsichtbrillen, die Ursachen der Fehlsichtigkeit, die Dienstleistungen von Fielmann… Ich muss sie schliesslich unterbrechen. Der nächste Optiker gibt sich noch mehr Mühe. Nach längerem Hin und Her – nicht zuletzt auf Grund seiner Bedenken wegen der Kostenlimite bei solch ungewöhnlicher Fehlsichtigkeit – schreitet er mit Versuchsgläsern zur Tat. Die Freundin lässt geduldig alles über sich ergehen. Verleiht ihr das im Voraus in Aussicht gestellte «Zvieri» Flügel? Auch der Optiker beweist viel Geduld. Denn unterdessen ist viel Zeit vergangen.

Mit dem entstellenden Gestell und flaschenbodendicken Gleitsichtgläsern im Gesicht lächelt die Greisin freundlich in die Runde, als sei sie jeden Tag zur Brillenauswahl bei Fielmann. Währenddessen denke ich besorgt, ihr Gehirn werde mit einer solch anspruchsvollen Umstellung – in ihrem Alter und erst recht wegen ihrer Demenz – überhaupt nicht mehr fertig. Ich verstehe den Augenarzt nicht. Leider ist auch der Optiker felsenfest davon überzeugt, dass eine Umgewöhnung kein Problem sei. Inzwischen rede ich mit Engelszungen. Endlich lässt er meine Freundin probehalber mit den neuen Gläsern im Laden herumgehen. Sie schafft nicht einmal zwei Schritte. Ich kann sie gerade noch auffangen, damit sie nicht stürzt. Der Test hat glücklicherweise etwas Überzeugendes.

Ich rege eine simple Lesebrille an. Daraufhin macht die dritte Optikerin einen Sehtest mit der «Frau Mammaaa», die strahlt, als hätte sie im Lotto gewonnen. Sie scheint die Buchstaben alle zu erkennen, so schnell rasselt sie sie herunter… Ich sitze wie auf Kohle. Doch oh Wunder! Nach fünf Viertelstunden sind wir jetzt auf dem besten Weg. Verschiedene Brillengestelle liegen zur Auswahl auf dem Tisch. Da sagt die alte Frau plötzlich ganz entschieden: «Ich habe noch nie eine Brille getragen und will auch keine. Ich brauche gar keine Brille!» Dabei bleibt sie, stur wie ein Maultier, da ist nichts zu machen. Am Ende versteigt sie sich sogar zur Behauptung, sie habe schon ewig lange eine Brille, sie müsse sie bloss suchen. Jemand verstecke sie dauernd, wahrscheinlich sei sie inzwischen in ihrem Nachttisch, sie finde sie bestimmt noch heute Abend, wenn sie nicht schon wieder weggenommen worden sei. Nach 1½ Stunden «Keine Brille: Fielmann.» verlassen wir das Geschäft: ich mit schamroten Wangen, der Fielmann-Crew insgeheim ein Kränzlein windend, sie vergnügt und völlig im reinen mit sich und der Welt. Unbeschwert lässt sie sich das versprochene «Zvieri» schmecken. Schon auf dem Rückweg ins Pflegeheim hat sie den ausgedehnten Fielmann-Besuch ganz und gar vergessen.

Seither sind gut zwei Jahre vergangen. Inzwischen ist sie 97. Nach wie vor freut sie sich über jeden Besuch. Doch sie hat noch immer keine Brille. Sie hat auch keine Lust mehr zu lesen.

Und der Sozialdienst hat Fr. 200 eingespart.

Elisabeth, 13.3.2019

Nescafé

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Habt Ihr schon einmal bulgarischen Kaffee gekostet? Dann wisst Ihr, dass das Wasser direkt über das extrafein gemahlene Kaffeepulver in der Tasse gegossen wird. Man trinkt nur wenige Schlucke aus dem winzigen Tässchen, sonst verfängt sich der Kaffeesatz in den Zähnen oder gar in der Kehle. Bei Nescafé passiert das natürlich nicht.

Den löslichen Kaffee verdanken wir dem Schweizer Chemiker Max Morgenthaler aus Burgdorf, er ist der Erfinder des Nescafés, der am 1. April 1938 erstmals auf den Markt kam. Heute werden weltweit Millionen Tassen Instantkaffee getrunken. Nescafé ist in mehr als 180 Ländern erhältlich und gehört zu den lukrativsten Marken von Nestlé. Ich habe Pulverkaffee eigentlich nie gemocht, da gibt es viel besseren. Doch scheint er, vor allem damals als Neuerfindung, für viele Menschen so etwas wie ein Kultgetränk gewesen zu sein.   

Vor Jahren erzählte mir ein Bulgare eine spezielle Kaffee-Geschichte, die sich in seinem Heimatdorf abgespielt haben soll: Ein Nachbar war von dort nach Amerika ausgewandert, schickte aber immer wieder Briefe in die Heimat über seinen Alltag in der Neuen Welt. Sie erregten im kleinen Ort grosse Aufmerksamkeit, umso mehr, als sie in Englisch verfasst waren, so dass sie der Dorflehrer vor versammelter Gemeinde vorlesen und übersetzen musste. Eines Tages kam zusammen mit dem gewohnten Schreiben ein verschlossener Krug. Der Lehrer war gerade unabkömmlich, und so öffnete der Dorfälteste feierlich den Krug, der ein unbekanntes Pulver enthielt. „Ich weiss, was das ist,“ rief ein Jüngling keck. „Das ist der tolle neue Kaffee, den man in der Stadt überall trinkt. Man muss ihn nur mit heissem Wasser an- und dann umrühren.“ Kurz darauf sass eine heitere Kaffeerunde beisammen, lobte den Kaffee und die Grosszügigkeit des Auswanderers. Endlich gesellte sich der Lehrer dazu. Man händigte ihm den Brief aus – und, was glaubt Ihr, stand darin? Der Auswanderer war in der Fremde gestorben, und im vermeintlichen Krug hatte sich seine Asche befunden! Wie Ihr Euch vorstellen könnt, verflog blitzartig die ausgelassene Stimmung und machte betretenem Schweigen Platz.

Wie herrlich (und erst noch absolut unverfänglich) ist dagegen frisch zubereiteter Bohnenkaffee mit Schäumchen, wie wir ihn in der Schweiz überall bekommen oder zu Hause selbst zubereiten. Schon der Duft allein vermag mich morgens zu beleben. Ich wünsche Euch einen frohen Tag, und dass Ihr ihn mit einem fein duftenden Kaffee beginnen könnt.

Elisabeth, 6.3.2019

Kaffee trinken in Afrika

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Habt Ihr schon einmal einen Afrikaner beobachtet, wenn er lacht? Das ist ein wirklich schönes, sinnliches Erlebnis. Das Lachen beginnt tief im Bauch, steigt langsam hoch über Brust und Oberkörper, erreicht unter tiefen, wohlklingenden Lauten das Gesicht. Dort verbreiten sich tausende Lachfältchen wie Sonnenstrahlen, die durch den Nebel brechen. In den schwarzen Augen tanzen helle Lichtblitze, eine unbändige Fröhlichkeit schüttelt den ganzen Menschen. Diese ausgelassene, ansteckende Heiterkeit habe ich ausserhalb Afrikas nirgends sonst gesehen.

Am eindrücklichsten erlebte ich sie an einem Abendessen im piekfeinen Viersternehotel in Johannesburg. Unser schwarzer Kellner, ein Hüne von einem Mann, war in eine enge, grüne Uniform eingezwängt, die seltsam fremd an ihm wirkte. Nach dem Essen bestellte meine Tischnachbarin, eine Schweizerin mittleren Alters, einen koffeinfreien Kaffee – «a coffee without coffein», wie sie sich ausdrückte. Der Mann betrachtete sie einen Moment lang erstaunt und brach dann unvermittelt in ein typisch afrikanisches Lachen aus, das kehlig durch die edlen Räume hallte. Obwohl ich selbst «decaffeinated» gesagt hätte, verstand ich den Grund seiner Heiterkeit nicht, musste aber trotzdem lachen. Als er sich erholt hatte, sagte er: «Sorry Madam, we don’t have.» Da verlangte die Frau einen «tea without teein». Der Mann schaute ungläubig, dann lachte er erneut, so unbändig und laut, dass sich ein paar Gäste nach uns umdrehten. Da riss er sich sichtlich zusammen, sagte wieder: «Sorry Madam, we don’t have», und wartete geduldig auf ihre «richtige» Bestellung. Sie war inzwischen ziemlich enerviert und schnappte: «Then bring me a peppermint tea!» Wie begriffsstutzig war denn dieser Mensch? Doch nun konnte der Mann nicht mehr. Prustend und kopfschüttelnd entfernte er sich von unserem Tisch. Wisst Ihr, was er der Dame kurz darauf brachte? Ein Krüglein gefüllt mit heissem Wasser, das war alles. Sorgfältig, ohne ein Wort, stellte er es vor sie hin.

Eine Woche später verbrachte ich im Naturreservat einen romantischen Abend am offenen Feuer. Der prachtvolle südafrikanische Sternenhimmel spannte sich so still und geheimnisvoll über uns, dass es mir fast den Atem nahm. Nach dem Essen und sanft melancholischen Gesängen vertiefte ich mich in ein Gespräch mit einem weissen südafrikanischen Journalisten, den die damals noch herrschende Apartheid zu Recht umtrieb, und den eine Auszeit ins Reservat geführt hatte. Mit Schwarzen aufgewachsen, kannte er sich in der afrikanischen Seele aus. Nachdem er in meinem strohgedeckten Bungalow, einem sog. Rondavel, auf Fledermaus-Jagd gegangen war und den verräterischen Fledermausdreck von meiner Bettdecke entfernt hatte, erzählte ich ihm die Episode mit dem Johannesburger Kellner, an der ich noch immer herumrätselte. Nach kurzem Nachdenken meinte er: «Ich kann mir denken, weshalb der Mann so gelacht hat. Für ihn tönte es doch wie: «coffee without coffee in» und «tea without tea in», also «Kaffee ohne Kaffee drin» und «Tee ohne Tee drin». Kein Wunder, war er fassungslos.» Nun war ich es, die einen Lachanfall bekam. Bevor mein Begleiter miteinstimmte, sagte er noch: «Warum filtern wir Weissen das Beste, das Koffein, aus dem Kaffee? Eigentlich ist das wirklich komisch, oder?» Wir lachten und lachten – laut und unbekümmert, mitten in der Nacht, bis uns die Tränen kamen. Gibt es etwas Befreienderes als ein herzhaftes Lachen?

Elisabeth, 27.2.2019

Azalee

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Liebe Freunde,
Manche meiner Geschichten mögen erfunden wirken, obwohl sie wahr sind. Mir passieren immer wieder eigenartige Dinge. Geht es Euch auch so? Es liegt natürlich auf der Hand, dass Erlebtes mit uns selbst zu tun hat. Doch was sind das für geheimnisvolle Fäden, die da im Verborgenen, anscheinend ohne unser Zutun, geknüpft werden? Immerhin mag ich ungewöhnliche Geschichten; sie machen das Leben spannend und bunt – wenn auch nicht immer problemlos. Hier also eine weitere, etwas sonderbare Begebenheit:

Die Einladung einer Bekannten zu Torte und Kaffee für Samstagnachmittag war überaus willkommen, umso mehr, als ich das Wochenende alleine verbringen musste. Am Morgen ging ich ins Blumengeschäft. Dort wählte ich einen üppig blühenden Azaleenstock aus. Dabei dachte ich daran, dass Azaleen als besonders langlebig und ausdauernd gelten. Während ich die leuchtend rosa Blüten betrachtete, entschloss ich mich spontan, die gleiche Pflanze auch für mich zu kaufen.

Am Nachmittag machte ich mich auf per Vorortbahn in die Hochhaussiedlung am Stadtrand. Auf dem Weg vom Bahnhof zur Siedlung schien der Blumenstock in meinen Armen schwerer und schwerer zu werden. Ausserdem blies ein kalter Wind. Ich freute mich auf einen heissen Kaffee. Gut, dass ich genug Zeit eingeplant hatte, denn es dauerte, bis ich die Hausnummer, wo meine Bekannte im 10. Stock wohnte, gefunden hatte. Die Eingangstüre war verschlossen. Durch die Häuserschluchten und um die Ecken pfiff ein eisiger Wind, als ich klingelte. Nichts geschah. Ich klingelte erneut. Keine Reaktion. Etwa eine Viertelstunde harrte ich aus: Klingeln, warten, den schweren Blumenstock von einem Arm zum andern verlagern, wieder klingeln… Dann gab ich auf. Als ich den kleinen Bahnhof erreichte, war der Zug zurück gerade abgefahren, so dass ich weiter frieren musste. Nicht gerade mein Glückstag! Durchgefroren erreichte ich später meine Wohnung, wo ich den «Zwilling» mit klammen Fingern neben meine eigene Azalee hinstellte. Irgendwie hatten die beiden Blumenstöcke für mich etwas von ihrer Schönheit verloren.

Am Abend klingelte das Telefon. Die Bekannte entschuldigte sich wortreich, weil sie mich vergessen hatte. «Ist überhaupt nicht schlimm,» log ich, während ich bei mir dachte: «Mir würde das nicht passieren.» Als ich am Montag von der Arbeit heimkam, stand eine weiss verpackte Pflanze vor meiner Wohnungstür mit einem Entschuldigungs-Kärtchen. Voller Vorfreude riss ich das Papier auf – und musste zweimal schlucken. Seufzend stellte ich das Geschenk zu den beiden anderen Pflanzen auf meinen Salontisch. Jetzt war ich stolze Besitzerin von drei genau gleichen, üppig blühenden, leuchtend rosafarbenen Azaleenstöcken.

Jahre vergingen, bis ich wieder einmal Lust hatte, eine Azalee zu kaufen.

Elisabeth, 21.2.2019

Angsthase

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Ich geb’s ungern zu: Ich bin ein Angsthase. Es braucht nicht viel, bis ich mich fürchte. Aber so gefürchtet wie in Kalifornien habe ich mich noch selten. Und das gewiss erst noch zu Recht.

Mit einer Kollegin bin ich nach La Mesa in der Nähe von San Diego gereist. Sie hatte dort einst ein Austauschjahr verbracht und kann nun ein paar Tage bei Susan, ihrer «USA-Schwester», übernachten. Für mich hat Susan ein Motelzimmer gebucht. Beim Bezug des Zimmers legt sie die Nummer der Polizei zum Telefon auf dem Gestell neben der Tür. «Die werde ich wohl kaum brauchen», denke ich bei mir. Doch als sie mich spät abends zum Motel bringen, erfahre ich, dass das Motelpersonal jeweils nur bis 23 Uhr anwesend ist, sämtliche Angestellten haben die Anlage bereits verlassen, selbst die Rezeption ist jetzt, gegen 23.30 Uhr, völlig verwaist. Überhaupt macht der Ort einen sehr verlassenen Eindruck, ganz so, als wäre ich die einzige, die zum Übernachten hier ist.

Jetzt erst inspiziere ich meine Umgebung, die mir am Nachmittag noch einen guten Eindruck gemacht hat. Merkwürdig, wie sich Normales, Harmloses bei Dunkelheit verändert und mit einem Mal etwas Unheilschwangeres auf sich trägt… Meines ist das letzte Zimmer, ganz zuhinterst im langen, einsamen Hof, unmittelbar daneben führt eine offene Treppe in den ersten Stock. Die (natürlich) abschliessbare Zimmertüre bietet den einzigen, indes bei näherem Hinsehen eher knappen Schutz gegen den Aussenraum. Auch das grosse Fenster rechterhand mit seinem schmalen, kaum richtig schliessenden Vorhang schirmt mehr schlecht als recht ab, d.h. wenn ich in der Nähe der Tür stehe, kann man mich und was ich gerade mache, von aussen ohne weiteres sehen. Wie geht das schon wieder in den Krimis? Warum nicht wie eine unerschrockene Filmheldin einen Stuhl unter die Türfalle klemmen, um sie zu blockieren? «Ja natürlich, dann werde ich mich sicherer fühlen», denke ich. Doch der berühmte Trick versagt hier, der einzige Stuhl im Zimmer ist zu niedrig. Noch nehme ich die Sache relativ locker.

Wider Erwarten schlafe ich schon bald ein, müde von den vielen Eindrücken des Tages, die die USA bieten. Plötzlich erwache ich, als ein Auto in den Hof prescht und mit quietschenden Reifen unweit meines Zimmers stoppt. Ich sehe Scheinwerfer aufleuchten. Kurz darauf Schritte, Flüche, grob brüllende Männerstimmen, eine laut kreischende Frauenstimme. Dann wird offensichtlich jemand die Treppe neben meinem Zimmer hochgeschleppt. Die Frau schreit entsetzlich, jetzt schräg über meinem Kopf. Ich liege wie erstarrt. Ich wage nicht aufzustehen und zum Fenster zu schleichen, um hinauszusehen; ich wage nicht einmal den Schritt zum Telefon neben der Türe, um die Polizei anzurufen. Was, wenn sie mich entdecken? Mich hören? Gar auf die Idee kommen, in mein Zimmer einzubrechen, dieses am entferntesten vom Eingang liegende? Der kalte Schweiss bricht mir aus allen Poren. Ich zittere wie Espenlaub. Die Schreie der Frau gehen mir durch Mark und Bein. Sie tönen derart qualvoll, rhythmisch stossend, als würde die Bedauernswerte brutal vergewaltigt. Ich kann kaum mehr atmen, bin einer Ohnmacht nahe. Plötzlich, wie eine Erlösung, erklingt von der Strasse her eine Polizeisirene durch die Nacht. Im Nullkommanichts poltern Füsse neben meinem Kopf die Treppe herunter, die Frau wimmert jetzt, dann werden Autotüren zugeschlagen, ihre Stimme verstummt. Mit dem Wegfahren des Autos wird es still – unheimlich still. Doch noch immer hämmert mein Herz wie wild. Ich kann nicht mehr schlafen. Dem Lärm nach zu schliessen, ist der Frau Schlimmes passiert. Hätte ich nicht mutiger sein müssen?

In der kommenden Nacht werde ich erneut aus dem Schlaf geschreckt. Was war es, das mich geweckt hat? Tatsächlich, das Zimmer bebt, zuerst ganz sanft, dann stärker und stärker. Ein Erdbeben! Es ist, wie wenn sich der Raum in einer Riesenfaust befände, die ihn durchschüttelt. Alles ruckelt, wackelt, Gegenstände scheppern. Ich knipse die Nachttischlampe an. Ängstlich und gleichzeitig fasziniert schaue ich zur Zimmerdecke hoch. «Wenn Risse erscheinen, muss ich in die Dunkelheit hinausrennen», überlege ich. «Hoffentlich kommen dann die brutalen Männer nicht wieder.» Die Risse bleiben aus, das Beben verebbt. Am andern Tag fragt Susan: «Bist du auch brav unter den Türrahmen geflüchtet wie wir heute Nacht?» Als ich verneine, schüttelt sie befremdet den Kopf. «Man bleibt bei einem Erdbeben doch nicht ruhig in den Federn liegen, das weiss doch jedermann! Wenn die Zimmerdecke runterkommt, bleibt keine Zeit mehr zum Weglaufen. Versprich mir, wenn Nachbeben kommen, stürzst du dich unverzüglich aus dem Bett und läufst unter den nächstbesten Türrahmen!» Das ist die Tür zum Hof, die ich lieber verriegelt lasse…

Ich habe genug. Noch am selben Tag ziehe ich in ein kleines, rund um die Uhr bedientes Hotel um.

Angsthasen sollte man nachts nicht alleine lassen!

Elisabeth, 13. Februar 2019

Insekten (eine Satire mit ernstgemeintem Ende)

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Mögt Ihr Insekten? Mein Verhältnis zu ihnen ist ein zwiespältiges. Ein namhafter Teil der krabbelnden, fliegenden, stechenden oder Krankheiten übertragenden Meute, die wir Ungeziefer nennen, ist doch eher ein Ärgernis. Klein, aber oho… Wozu braucht‘s die Blutsauger heutzutage denn noch? Glaubt mir, früher, da war alles einfacher!! Damals lebte man mit Flöhen, Wanzen und Filzläusen auf Du und Du; Vorführungen mit „kunstvollem Hüpfen“ beim Flohzirkus waren eine beliebte Zerstreuung fürs Volk; sogar Ratten durften ins Haus. Der absolute Knüller dabei: Man musste sich weder waschen noch um Hygiene kümmern. Da alle stanken, gab’s bei Annäherungsversuchen keine unliebsamen Überraschungen. Tatsächlich waren es nicht nur die Armen die stanken, die Reichen stanken ebenfalls, wenn auch auf höherem Niveau, sprich: in vornehmeren Kleidern. Die bildschönen Damen am französischen Hof Ludwigs XIV verfügten eigens über lange, zierliche „Kratzhändchen“, um ihre läusegeplagte Kopfhaut elegant zu kratzen, ohne die Frisur zu verderben. Die Adligen hatten zudem die Möglichkeit, ihre Gerüche mit Parfüm zu übertünchen. Keine Ahnung, wie wirksam diese Schummelei war, jedenfalls weit weniger aufwändig als ein Bad. Ob da gar ein Zusammenhang besteht zur Hektik unserer Tage mit Burn-Out-Folgen? Wenn Ihr meinen Verdacht teilt, dann hört um Himmels willen sofort auf, Euch zu duschen und zu baden. Parfüm gibt’s nach wie vor – oder?

Nun ja, die Zeiten ändern sich. „Familienanschluss“, das war einmal. Immerhin sind unsere heutigen Haustiere nicht weniger anhänglich. Ein Pferd lässt sich reiten, eine Katze kann man streicheln, mit einem Hund tummelt man sich freudig im Freien. Aber Insekten? Wem, frage ich Euch, käme es in den Sinn, fröhlich pfeifend eine Handvoll Fliegen oder Würmer in einem Schächtelchen durch Wald und Wiesen spazieren zu führen? (Ausser natürlich, er ist Fischer). Gut, dafür könnte man wenigstens die Hundekotsäckchen zu Hause lassen.

Doch wie’s so geht: im Leben kommt alles zurück. Dank Globalisierung erleiden wir in der heutigen Schweiz eine Überfremdung, die sich gewaschen hat – ich spreche nicht von Menschen, sondern von Insekten. Genau wie chinesische Touristen, lieben auch Baumwanzen aus China die Schweiz. Letzten Sommer überfiel uns eine wahre Invasion dieser stinkenden Viecher, die mit Vorliebe in unsere Häuser kriechen, wenn’s kühler wird. Und sie bringen nicht einmal Geld ins Land wie die Touristen. Das stinkt gewaltig zum Himmel, findet Ihr nicht auch? Nachdem Franz Hohler schon vor Jahren kabarettistisch seine «Made in Hongkong» eigenmächtig nach China exportiert hat, ist’s wohl unausweichlich, dass der Insektenaustausch auch in umgekehrter Richtung floriert. Aber ich sage Euch, da kommt etwas auf uns zu! Im Tessin wurden bereits asiatische Tigermücken gesichtet. Gerüchten zufolge sollen auch Bettwanzen, Schaben und Läuse wieder auf dem Vormarsch sein. «Laustante» könnte in Zukunft ein begehrter Beruf werden… Ist bestimmt lustig, sich jede Menge Kindsköpfe vorzunehmen und ihnen anschliessend die Leviten zu lesen.  

Habt Ihr gewusst, dass man selbst im Toten Meer vor den Plagegeistern nicht sicher ist? Ja doch, ich hab’s mit eigenen Augen gesehen. Wenn man wie ein Korken im salzgesättigten Gewässer herumhopst, entdeckt man tatsächlich überall Tausendfüssler, die in Windeseile über die Wasseroberfläche rennen mit dem Ziel, die Badenden heimtückisch in den Rücken zu stechen. Gibt es hartgesottenere Überlebenskünstler? Ich glaube, die hinterlistigen Tausendfüssler waren schuld, dass DER MANN in Jordanien Heimweh bekam.

Zum Glück gibt’s an der Insekten-Front auch Positives zu vermelden, so dass ich nun getrost ernsthaft werden kann. Loben möchte ich die Spinnen, die Glückskäferchen und andere Nützlinge, die Jagd auf Schädlinge machen. Eine wahre Freude sind natürlich die fleissigen Bienen. Es gefiel mir als Kind, dem Vater beim Imkern zuzusehen. Den gelegentlichen Bienenstich, wenn ich barfuss über die kleine Wiese lief, nahm ich gerne in Kauf. Der selbst geerntete Honig schmeckte so gut wie später keiner jemals wieder.

Das führt mich zur Kürzestgeschichte des russischen Pope Vassiliji aus Jekatarinburg: «Es gibt zweierlei Menschen, Fliegen und Bienen. Die Fliegen finden im schönsten Feld ein Stück Scheisse, die Bienen auf jeder Müllhalde eine Blume.» Seien wir keine «Fliegen»! Halten wir in unserem Leben selbst auf «Müllhalden» nach «Blumen» Ausschau!

Elisabeth, 6.2.2019